Politik und Gesellschaft
Wer für Mittelmass plädiert, gerät in Verdacht, der Mittelmässigkeit Vorschub zu leisten. Warum dem nicht so ist, zeigt die intelligente kleine Schrift des deutschen Journalisten Markus Reiter. (NZZ am Sonntag)
Stets geht es nur um die Eliten. Universitäten wollen Eliteuniversität werden. Politiker rufen nach Eliteförderung. Die Wirtschaft fahndet nach Führungseliten. Sportler sollen in die olympische Elite vorstoßen. Dabei wird übersehen, dass eine Gesellschaft nicht alleine von Eliten leben kann. Sie braucht das Mittelmaß – nämlich all jene Menschen, die täglich fleißig, ordentlich und zuverlässig ihre Arbeit tun, ohne jemals an die Spitze vorzustoßen. Diese Menschen sind für den Wohlstand der Nationen wichtiger als alle Spitzenkräfte. Die Nachhaltigkeit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung sichern nicht kleine Eliten, sondern die vielen, die nicht ganz oben stehen wollen und können. Es geht auch darum, „Maß zu halten“ – das heißt: der Rücksichtslosigkeit und die Verschwendung von Ressourcen, die mit der Konzentration der Gesellschaft auf das Elitäre verbunden ist, das „rechte Maß“ entgegenzusetzen. Dabei dürfen wir Mittelmaß nicht mit Mittelmäßigkeit verwechseln. Mittelmäßigkeit bedeutet, aus Mangel an Mut und Entschließung unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. Eines Mittelmaßes hingegen muss sich niemand schämen. Es wird (schon aus statistischen Gründen) immer eines geben müssen, solange es unter den Menschen eine Ungleichheit an Intelligenz und Fähigkeiten gibt.
Erstellt: 07-02-2011 12:40 - Letzte Änderung: 28-03-2012 14:18
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