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umwelt aktuell Archiv

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Wald und Klima: Bäume pflanzen reicht nicht

Die Entwaldung muss gestoppt werden, doch der Weg dorthin birgt Fallstricke und Sackgassen
Marcel Hänggi


Entwaldung verursacht ein Fünftel der weltweiten Treibhausgase. Dass die Klimaziele ohne deutliche Verringerung des Waldverlustes nicht zu erreichen sind, wird kaum noch bezweifelt. Umstritten ist aber, was zum Urwaldschutz und vor allem zu seiner Finanzierung in einem Kyoto-Nachfolgeabkommen stehen soll.

VON WOLFGANG KUHLMANN, ARA

Vor zweieinhalb Jahren hat der Stern-Report die Emissionsvermeidung im Waldbereich als eine kostengünstige und rasch wirkende Möglichkeit für den Klimaschutz beschrieben. Seitdem ist das Interesse an diesem Modell rasch gewachsen. Unter dem Kürzel REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) (1) wird intensiv diskutiert, ob und wie die Verringerung der Entwaldung Teil der jetzt angestrebten neuen UN-Klimavereinbarung werden soll, die das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ersetzen soll. Bis zur nächsten, entscheidenden Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen sollen dazu Vorschläge ausgearbeitet sein.

Waldschutz messbar machen

Die Idee scheint einfach: Wenn die von Zerstörung bedrohten Wälder geschützt werden können, bleiben sie als gewaltige Kohlenstoffspeicher erhalten. Wenn der auf jährlich 13 Millionen Hektar geschätzte Waldverlust verringert werden kann, bleibt der Kohlenstoff in den Pflanzen gebunden und gelangt nicht in die Atmosphäre, wo er zum Treibhauseffekt beitragen würde. Als Anreiz für die Tropenwaldländer sollen die Industrieländer den wirtschaftlichen Verlust kompensieren, den ein Verzicht auf den Holzeinschlag und auf die Umwandlung von Wäldern in landwirtschaftliche Flächen bedeutet. Doch wie das im Detail funktionieren kann und soll, ist noch weitgehend offen.

Die Grundidee eines REDD-Mechanismus besteht darin, auf der Basis historischer Daten die durchschnittliche Entwaldung in einem Referenzzeitraum (zum Beispiel den 1990er-Jahren) zu berechnen und als „Baseline“ festzulegen: Sind Staaten in der Lage, ihre Entwaldungsrate unter diesen Wert zu senken, erhalten sie Zahlungen, die nach einem noch zu entwickelnden Schlüssel zugewiesen werden.

Einige plädieren allerdings auch für kleinflächigere REDD-Projekte. Regionale Maßnahmen, zum Beispiel der verbesserte Schutz eines Nationalparks, führen aber möglicherweise nur dazu, dass Holzfäller oder Siedler in weniger gut kontrollierte Gebiete ausweichen. Jeder wirksame Mechanismus muss deshalb sicherstellen, dass Entwaldung verringert und nicht nur von einem Ort an einen anderen verlagert wird. „Leakage“ ist hier das Stichwort, das die Schlupflöcher beschreibt – die undichten Stellen im Gesetzestext.

Zertifikatehandel oder Fonds?

Voraussetzung für einen wirksamen REDD-Mechanismus ist ein verlässliches Kontrollsystem, bestehend aus Überwachung (Monitoring) und Nachweisführung (Verifizierung). Die Auswertung von Satellitendaten liefert mittlerweile gute Ergebnisse bei der Überwachung der Waldflächen. Die Degradierung von Wäldern lässt sich so aber nicht messen. Auch die Berechnung des auf einer Waldfläche gebundenen Kohlenstoffs orientiert sich in erster Linie am Holzvolumen der Bäume. Der im Boden gespeicherte Kohlenstoff wird dagegen bestenfalls geschätzt. Für die verschiedenen Waldtypen wurden Größenordnungen für das Verhältnis von oberirdischem zu unterirdischem Kohlenstoff vorgeschlagen, die von 1:1 für die Wälder der gemäßigten Zonen bis zu 1:5 für Tieflandregenwald auf Torfböden reichen.

Besonders kontrovers wird die Frage diskutiert, wo das Geld für REDD herkommen soll. Einige Länder – und auch internationale Organisationen wie die Weltbank – bevorzugen einen marktbasierten Mechanismus, also den freien Handel mit CO2-Minderungszertifikaten aus verringerter Entwaldung. Mit dem Kauf von REDD-Zertifikaten im Rahmen des internationalen Emissionshandels könnten Staaten und Industrie aber das Recht erwerben, den eigenen Ausstoß von Klimagasen nicht verringern zu müssen. Damit würde ein weiteres Schlupfloch für jene entstehen, die mit kostengünstigen Investitionen in Waldschutz die fortgesetzte Nutzung veralteter, aber gewinnträchtiger Technologien rechtfertigen wollen. Die meisten Umwelt- und Entwicklungsorganisationen fordern deshalb, Zertifikate für den Walderhalt aus dem Emissionshandel herauszuhalten. Denn die Bindung von Kohlenstoff in Wäldern ist reversibel, sei es durch natürliche Katastrophen oder durch vorsätzliche Zerstörung. Der Ausstoß von Klimagasen bei der Verbrennung fossiler Energieträger ist dagegen irreversibel. Jeder Marktmechanismus, der ein Aufrechnen von „grünem Kohlenstoff“ (aus Walderhalt) gegen „schwarzen Kohlenstoff“ (aus fossilen Quellen) erlaubt, kann de facto zu einem Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre führen – und damit zu einer Beschleunigung des Klimawandels.

Außerdem ist der Emissionshandel keine verlässliche Quelle für die Finanzierung von Waldschutz. Die notwendigen Maßnahmen zum Schutz von Wäldern müssen langfristig geplant und unterstützt werden, der Kohlenstoffmarkt dagegen unterliegt starken Schwankungen. Wenn kurzfristig billige Waldzertifikate in direkter Konkurrenz zu anderen Kohlenstoffzertifikaten stehen, droht eine Destabilisierung des Marktes. Mit einem Verfall des Kohlenstoffpreises würde auch der Anreiz sinken, in erneuerbare Energien und saubere Technologien zu investieren. Darüber hinaus würde sich Naturschutz zunehmend am Kohlenstoffgehalt der Wälder orientieren statt an ihrer biologischen Wertigkeit oder ihrer Bedeutung für traditionelle Nutzungssysteme.

Eine Alternative zu Marktmechanismen sind Fonds, in die zum Beispiel Abgaben auf Treibhausgasemissionen oder die Erlöse aus der Versteigerung von Emissionsrechten eingezahlt werden. Sie könnten genutzt werden, um schnelle und kosteneffektive Maßnahmen zum Schutz der Wälder zu finanzieren, wie die Beendigung der kommerziellen Holznutzung in Primärwäldern („Urwäldern“) und die Sicherung von Landrechten indigener und lokaler Gemeinschaften, die in und von Wäldern leben.

Ein weiterer Vorteil eines Fonds ist die Möglichkeit, auch Länder mit einer geringen Entwaldungsrate in das Programm einzubeziehen. Ein Marktmechanismus würde sich dagegen zwangsläufig auf die Länder mit dem höchsten Waldverlust konzentrieren. Allein auf die vier Spitzenreiter Indonesien, Brasilien, Malaysia und Myanmar (Burma) würden bereits zwei Drittel aller REDD-Zertifikate entfallen.

Wälder sind nicht nur Kohlenstoffspeicher

Sollte REDD zu einem Teil des Kyoto-Folgeabkommens werden, besteht die Gefahr, dass Wälder einseitig auf ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher reduziert werden. Deshalb muss in den kommenden Verhandlungen sichergestellt werden, dass die ökologischen und sozialen Funktionen von Wäldern den Klimaschutzaspekten nicht untergeordnet werden: Die Aufrechnung von Waldzerstörung gegen Wiederaufforstung, die zu Unworten wie „Netto-Entwaldung“ führt, muss ebenso ausgeschlossen werden wie die Umwandlung von Naturwäldern in Ölpalmen- oder Eukalyptusplantagen oder die Verdrängung lokaler Bevölkerung von „marginalem“ oder „ungenutztem“ Land durch großflächige Aufforstungsprojekte.

REDD könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, den fortschreitenden Waldverlust zu verringern. Erfolgversprechend wird der Mechanismus aber nur, wenn es gelingt, eine Verringerung von Treibhausgasemissionen mit dem Schutz der biologischen Vielfalt und einer umfassenden Beteiligung der lokalen Bevölkerung zu verbinden.

 
Anmerkung
(1) Mehr Informationen zu REDD: Forum Umwelt und Entwicklung, Rundbrief I/2009, www.forum-ue.de/16.html

 

Wolfgang Kuhlmann ist Biologe. Bei der Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz (ARA) in Bielefeld ist er zuständig für internationale Waldpolitik und Projektarbeit in Tropenwaldländern.

 
Kontakt: Wolfgang Kuhlmann
E-Mail: kuhlmann@araonline.de
www.araonline.de

 

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Kein Klimaschutz ohne Waldschutz und umgekehrt

„Ohne wirksamen Schutz der Wälder und Reduzierung der Emissionen aus Entwaldung, Walddegradierung und Landnutzungsänderungen ist wirksamer Klimaschutz und eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf unter 2 °C kaum möglich. Aber ohne wirksamen Klimaschutz werden auch Wälder und Biodiversität schweren Schaden nehmen. Politische Lösungsstrategien für den Schutz von Wäldern, Biodiversität und Klima müssen daher im engen Zusammenhang gesehen werden. (...)

Wir sehen in einem entsprechend gestalteten REDD-Mechanismus eine Chance für den Schutz von Wäldern und der Biodiversität von Waldökosystemen, wenngleich REDD nur ein zusätzlicher Beitrag in einem breiter angelegten Mix politischer Instrumente sein kann.

Die Ausweisung weiterer großer Waldschutzgebiete, Importverbote für illegal gefälltes Holz, Änderung landnutzungsintensiver Konsummuster, Senkung der Nachfrage nach nicht nachhaltig erzeugtem Holz und Agrarprodukten und die Ausweitung naturnah und nachhaltig genutzter Waldflächen bleiben weiter auf der Tagesordnung für den Schutz der Wälder.

Allerdings sehen wir auch eine große Gefahr darin, dass REDD falsch ausgestaltet wird und dann weder zum Schutz der Wälder noch des Klimas beitragen würde und diese Ziele sogar gefährden können. REDD muss den Schutz der naturnahen Wälder garantieren.

Die ökologische Integrität eines REDD-Mechanismus bedarf gegenüber dem Kyoto-Protokoll deutlich verbesserter Anrechnungsregeln und Qualitätskriterien für Wälder, bei denen zwischen natürlichen und naturnahen Wäldern einerseits und Plantagen andererseits unterschieden wird sowie Emissionen aus Wald-Degradierung angerechnet werden.

Die Einbeziehung von REDD-Zertifikaten in den Emissionshandel würde aufgrund der unzureichenden Reduktionsverpflichtungen der Industrieländer den Emissionshandel mit billigen Zertifikaten überschwemmen, und damit zugleich seine Klimawirkung und seine ökologische Integrität infrage stellen. Kohlenstoffintensive Investitionen in den Industrieländern, wie etwa Kohlekraftwerke, würden damit weiterhin ökonomisch attraktiv bleiben. Damit würden auf Jahrzehnte die verheerende kohlenstoffintensive Wirtschaftsweise festgeklopft und die notwendigen anspruchsvollen Reduktionsziele verpasst. Daher unterstützen wir nachdrücklich den Beschluss der EU, eine Einbeziehung von REDD in das Emissionshandelssystem bis 2020 auszuschließen.“

Aus: Positionspapier zum REDD-Mechanismus, Forum Umwelt & Entwicklung, März 2009

Kontakt: Forum Umwelt & Entwicklung, Friedrich Wulf
E-Mail: friedrich.wulf@bund.net
www.forum-ue.de/148.html

 

 



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