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Umweltgeschichte: Gegen die Leisetreterei
In Zeiten ihrer Entpolitisierung muss die Umweltgeschichte wieder über Macht reden
Der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein engagiert einen Historiker für die umweltfreundliche Umdeutung seiner Geschichte – einer Geschichte von Umweltzerstörung und Machtpolitik. Umweltgeschichte, die ernst genommen werden will, sollte sich stattdessen selbstbewusst in gegenwartspolitische Debatten einmischen. VON FRANK UEKÖTTER
Das Private ist politisch, lautete ein Slogan der 68er. Inzwischen möchte man das etwas anders formulieren: Alles ist politisch, aber wen kümmert das schon. Die Entpolitisierung ist ein großer Trend unserer Gesellschaft, und sie lässt auch die geisteswissenschaftliche Forschung nicht unberührt. Das Fach des Verfassers, die Umweltgeschichte, ist ein lehrreiches Beispiel. Am Anfang äußerten sich ihre Vertreter explizit politisch, und Aufsätze schlugen mühelos den Bogen von den frühesten Umweltkonflikten wie dem „Freiberger Hüttenrauch“ um 1850 bis zum Waldsterben. Inzwischen macht sich eine Leisetreterei breit: Umweltgeschichte, ja, gerne, aber bitte ohne kantiges politisches Profil. Zum Teil mag das auch ein Lernprozess sein, denn so manche historisch-politische Analogie, die in der Frühzeit der Forschung mit Verve vertreten wurde, erscheint im Rückblick sowohl politisch wie historiografisch arg naiv. Aber ist das die ganze Wahrheit? Eine gewisse politische Windschnittigkeit ist im Kampf um Forschungsmittel und Dauerstellen ja manchmal ein deutliches Plus.
Da freut es eigentlich den Forscher, dass kürzlich der Spiegel zwei Seiten freiräumte, um dem Cottbuser Umwelthistoriker Günter Bayerl Gelegenheit zu einigen Ausführungen zur Geschichte und Zukunft der Braunkohle zu geben.(1) Weniger erfreulich war, dass es sich nicht um einen redaktionellen Beitrag handelte, sondern um eine Anzeige des Braunkohle-Forums (2), hinter dem der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein steht – übrigens ohne den Vermerk „Anzeige“, der früher, in den guten alten Zeiten, einmal solche Meinungsmache kennzeichnete. Darin erläutert Bayerl, warum die Umweltgeschichte zum Erhalt, ja zum Ausbau der heimischen Braunkohleindustrie mahne. Man hat sich ja inzwischen daran gewöhnt, dass sich die großen Energiekonzerne einen Stab von internen und externen Experten halten, die bei passenden Gelegenheiten Statements mit voraussagbarem Inhalt produzieren. Aber dass dazu nun auch Umwelthistoriker gehören?
Mythen der Umweltgeschichte
Bevor man sich zu sehr empört, lohnt ein genauer Blick in Bayerls Diskussionsbeitrag. Es ist zum größeren Teil gar kein historischer Beitrag, sondern eine brave Wiederholung der allbekannten standortpolitischen Argumente, und das Wenige, was historisch ist, ist überwiegend falsch. Der Text bietet ein Rendezvous mit den Mythen der Umweltgeschichte: der Entwaldung im Mittelmeerraum durch Griechen und Römer und der Holznot der Frühen Neuzeit. Dabei gibt es seit fast drei Jahrzehnten eine breite Forschungskontroverse über die Holznotdebatte im 18. und 19. Jahrhundert, die zumindest in einer Hinsicht Klarheit gebracht hat: dass die pauschale Behauptung, wonach „ganze Landstriche aufgrund von Rodungen verödeten“, eine von Forstinteressen lancierte Legende ist. Blanker Unsinn ist auch Bayerls Behauptung, der Erfolg der Industrialisierung habe auf einem Energiemix beruht. Das gilt lediglich für die frühe Industrialisierung und auch dort nur mit enormen regionalen Differenzen – um 1900 hing das industrialisierte Deutschland an der Kohle wie der Junkie an der Nadel.
All das ist Lehrbuchwissen, und so drängt sich der Eindruck auf, dass der Forscher aus der Lausitz sein Statement vielleicht ganz anders meinte. Möglicherweise war der Artikel ja ein subversiver Versuch, der Braunkohlelobby einen offenkundig absurden Diskussionsbeitrag unterzujubeln, um dann nach Veröffentlichung deren Ignoranz bloßzulegen? Eindrucksvoll belegt Bayerls Wortmeldung, mit welcher Verzweiflung die Braunkohlelobby inzwischen jedes nur irgendwie greifbare Argument instrumentalisiert, ohne dessen Plausibilität auch nur oberflächlich zu prüfen. Wir warten auf ein spektakuläres Coming-out, Herr Bayerl!
Rohstoffgewinnung in Deutschland: Fast schon Kolonialismus
Die Geschichte des deutschen Bergbaus lehrt nämlich zumindest eines: Hier gelten eigene Gesetze. Kein Bereich der deutschen Wirtschaft hat eine so lange Tradition staatlicher Kontrolle und Tätigkeit – aber das führte überhaupt nicht zu einer effektiven Bekämpfung der Umweltschäden. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich mit anderen Aufsichtsbehörden erwiesen sich die Bergämter als ausgesprochen lethargische Kontrolleure. Ob es um Staub aus Brikettfabriken oder Zechenkraftwerken ging oder um Kokereiabgase: Die Bergaufsicht fand die Zustände meist gar nicht so schlimm, manchmal sogar dort, wo die Gewerbeaufsicht auf ein Eingreifen drängte. Im Verständnis für die Notwendigkeiten der Industrie ließen sich die Bergbehörden von niemandem übertreffen.
So entstand mit dem Segen des Staates ein merkwürdiger Sonderbereich, eine Art Industrieschutzgebiet, wie es ihn in dieser Form für keinen anderen Industriezweig gab. Im Prinzip war Bergbau die größte Annäherung an Kolonialismus, die sich auf deutschem Boden finden lässt: Im Kampf um die Rohstoffe, die ferne Metropolen so dringend brauchten, tolerierte man im Ruhrgebiet und anderswo Bedingungen, die man im Rest des Landes niemals akzeptiert hätte. Lang ist die Liste der verzweifelten Klagen über die ökologischen Folgen des Bergbaus – bis hin zum Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der sich so sehr über die Emissionen der rheinischen Braunkohlenindustrie empörte, dass er sich 1930 beim Deutschen Städtetag erkundigte, „ob und mit welchem Erfolge Stadtverwaltungen Prozesse über Rauch- und Rußbelästigung bezw. -schädigung geführt haben“.(3) Es ist also schon ziemlich dreist, wenn Bayerl die heutige Braunkohle als begeisterten Vorkämpfer der Umwelttechnologie feiert und kein Wort über die Vorgeschichte verliert. Einiges spricht dafür, dass die Braunkohle den Schwenk zu Öko-Argumenten erst vollzog, als die traditionelle Hartleibigkeit gesellschaftlich einfach nicht mehr zu vermitteln war.
Wer Großkraftwerke baut, stellt Weichen für Jahrzehnte
Wer über den Bergbau und die Umwelt reden möchte, muss deshalb vor allem über eines reden: Macht. Die Gründung des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats 1893 markierte den Aufstieg einflussreicher ökonomischer Komplexe, deren Hegemonie manchmal sogar gesetzlich abgesichert war: so etwa beim Kalisyndikat oder bei den Gebietsmonopolen der Elektrizitätskonzerne. Häufig genügte aber schon die Macht der Fakten: Wenn man erst einmal Großkraftwerke in die Braunkohlelandschaft setzte, waren die Weichen auf Jahrzehnte hinaus gestellt. Das Wort „Pfadabhängigkeit“ kommt in Bayerls Beitrag denn auch gar nicht erst vor.
Die über Jahrzehnte nahezu unangefochtene Macht der großen Energiekonzerne darf freilich nicht zu der Annahme verleiten, diese hätten ihre Entwicklung mit überlegener Weitsicht strategisch vorausgeplant. Der Aufstieg der rheinischen Braunkohlenindustrie wirkt eigentlich eher wie ein langsames Abgleiten in Richtung Tieftagebau. Die Planer der 1920er-Jahre gingen noch von einer ziemlich kurzen Zeit bis zur Erschöpfung der abbauwürdigen Braunkohlereserven aus, und über die riesigen Löcher, die heute in der niederrheinischen Landschaft klaffen, wären die damaligen Vorkämpfer der Braunkohle wohl mächtig erschrocken gewesen. Gut dokumentiert ist der gewundene Weg von RWE zur Atomkraft. Kaum jemand äußerte in den 1960er-Jahren größere Vorbehalte gegen die Kernenergie als jenes Unternehmen, das später zu einem Eckpfeiler des nuklearen Komplexes wurde. Erst um 1968 vollzog RWE eine abrupte Kehrtwende, hinter der ziemlich kurzfristige Kalküle steckten, darunter ein spektakulär gescheiterter Einstieg ins Erdölgeschäft.
Lethargie der Konsumenten
Im Übrigen gilt: Wer von der Energie redet, darf von den Verbrauchern nicht schweigen. Unterschwellig präsentiert Bayerl den Energiebedarf als naturhaft gegebene Größe – ein seit Jahrzehnten beliebter wie durchsichtiger Taschenspielertrick in energiepolitischen Debatten. Nutzen ist aber nicht einfach da, er ist gestaltbar, und er wird gemacht – alles lohnende Themen für kritische Analysen, die übrigens gar nicht einmal zwingend industriekritisch grundiert sein müssen. Die Lethargie der Konsumenten sollten in jeder Geschichte der Energie einen zentralen Platz einnehmen, freilich nicht ohne den Hinweis, dass sie zum Gutteil Wohlstandsphänomene sind. Auch wenn die Vorstellung illusorisch ist: Weniges würde die heutigen Konsumenten wohl so nachhaltig wachrütteln wie der Zwang, wieder zur Holzbeschaffung in den Wald zu gehen, wie es noch vor wenigen Generationen in den Zeiten der Kohlenknappheit üblich war. Der künftige Energiebedarf ist weitaus weniger klar, als die Apologeten der Großkraftwerke uns glauben machen wollen. Die Geschichte der Energieprognosen liefert reiches Anschauungsmaterial dafür, dass sich Nutzen noch schlechter voraussagen lässt als das Wetter der kommenden Wochen.
Am meisten irritiert freilich, wie das Braunkohle-Forum seine Expertenbeiträge bewirbt. „Hier argumentieren unabhängige Experten“, verkünden die Lobbyisten auf ihrer Internetseite.(4) Meinen die das wirklich ernst? Denken die Leute von der Braunkohle tatsächlich, der gemeine Leser sei so naiv zu glauben, dass da ein paar Leute ihre persönlichen Ansichten niederschreiben, die alle ganz zufällig den Interessen der Braunkohle dienen?
Vielleicht sind Lobbyisten ja wirklich so einfältig. Aber vielleicht leben wir auch in schamlosen Zeiten, in denen man mit so etwas durchkommen kann. Gewiss gibt es gute Gründe, nun nicht einfach in die platte Gegenposition zu verfallen und darzulegen, dass die Umweltgeschichte eher zur solaren Revolution als zur Braunkohle mahnt; so einfach sind Lehren der Geschichte nun einmal nicht. Aber ist nicht offenkundig, dass die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts nach Transparenz ruft, nach penibler Überprüfung der Argumente, insbesondere dort, wo sie bestimmten Interessen dienen? Wir brauchen eine Umweltgeschichte, die sich mutig in die gegenwartspolitischen Debatten einmischt, mit Selbstbewusstsein ob ihrer Ergebnisse, aber auch dem Bewusstsein, dass sie bestimmte Dinge nicht liefern kann, ohne sich als Legitimationswissenschaft der einen oder anderen Seite lächerlich zu machen. Und die sich nicht weiter davon beeindrucken lässt, dass man damit vielleicht kein Geld von der Braunkohle bekommt.
Anmerkungen
(1) Der Spiegel Nr. 23, 30.05.2009, S. 12–13.
(2) Vgl. www.braunkohle-forum.de/104-0
(3) Bundesarchiv R 36/1284, Der Oberbürgermeister von Köln an den Deutschen Städtetag, 21.02.1930.
(4) Vgl. www.braunkohle-forum.de/60-0
Der Historiker Dr. Frank Uekötter organisierte 2002 den Kongress „Naturschutz und Nationalsozialismus“. Zurzeit arbeitet er am Deutschen Museum in München zur Wissensgeschichte der Landwirtschaft im 20. Jahrhundert.
Kontakt:Dr. Frank Uekötter
E-Mail: f.uekoetter@deutsches-museum.de
www.frank-uekoetter.de
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