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Welche Ursachen hat Abwanderung?
Erinnern Sie sich an den ”Fall Tuvalu“? Dem polynesischen Inselstaat droht aufgrund des steigenden Meeresspiegels der Untergang. Wenn das Meerwasser die Felder überflutet und die Brunnen versalzen, entzieht das den elftausend Bewohnern die Lebensgrundlage. Ihnen bleibt dann nichts anderes übrig, als die Inseln zu verlassen – sie werden entwurzelt. Deshalb erwog die Regierung von Tuvalu eine Klage vor dem Gerichtshof der Vereinten Nationen gegen die Industrieländer als Hauptverursacher des Klimawandels. Damit brachte sie einer breiteren Öffentlichkeit ein Phänomen ins Bewusstsein, das die Vereinten Nationen unter dem Stichwort ”Umweltflüchtlinge“ diskutieren.
Es gibt vielfältige, sich oft gegenseitig verstärkende Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen: Hunger, Armut, Menschenrechtsverletzungen, Kriege und zunehmend die Zerstörung der natürlichen Umwelt. Wenn – wie häufig in den Ländern des Südens – die Äcker verdorren, die Siedlungen überschwemmt oder die Flüsse verseucht sind, flüchten die Menschen. Zunächst in die nähere Umgebung, oft in die Elendsviertel der Metropolen, später machen sie sich vielleicht auf gen Norden. Schon jetzt übertrifft die Zahl der Umweltflüchtlinge – mit geschätzten zwanzig Millionen – die der politisch Verfolgten. Tendenz steigend, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels ganze Landstriche unbewohnbar machen, Inseln und Küstenländer überschwemmen.
Und wie reagieren die reichen Länder des Nordens? Sie beschäftigen sich nicht mit den Ursachen der Migration, sondern laborieren einseitig an den sie betreffenden Konsequenzen. Langatmige Debatten über das Pro und Kontra von Einwanderung und vor allem eine Politik der Abschottung sind die Folge. Not täte dagegen die selbstkritische Reflexion des eigenen Tuns und die Analyse der komplexen Zusammenhänge, die zwischen Umweltzerstörung, Globalisierungsprozessen und Fluchtbewegungen bestehen. Wie so etwas aussehen kann, zeigen die Beiträge dieser Ausgabe der politischen ökologie. Neben den Ursachen beschäftigt sie sich auch mit den Auswirkungen der Migrationsströme auf das soziale Gefüge und die Umweltsituation am Zielort. In der meist emotional geführten europäischen Einwanderungsdebatte dominiert die Angst vor Überfremdung und zusätzlichen Kosten. Vom Zugewinn ist viel zu selten die Rede. Dabei bietet der kulturelle Austausch vielversprechende Konzepte für die Bewältigung ökologischer und sozialer Probleme.
Erstellt: 02-02-2005 15:28 - Letzte Änderung: 17-06-2008 13:34




