Stadtentwicklung

Das gute Leben in der Stadt für alle

Städte wachsen weltweit rasant und damit auch die Probleme wie Wohnungsnot, Verkehrschaos und soziale Ungleichheit. Auch der Klimawandel stellt urbane Räume vor neue Herausforderungen. Wie wollen wir als städtische Gesellschaft heute und morgen zusammenleben? Wie lässt sich ein gutes Leben für alle in der Stadt gestalten? Diese Fragen stellt sich das Projekt »Postwachstumsstadt«.

11.05.2020

Die Urbanisierung schreitet voran, immer mehr Menschen leben auf immer engerem Raum zusammen, denn das Leben in der Stadt hat einiges zu bieten: Arbeitsplätze, Kultur, Lifestyle. Doch das ständige Wachstum bringt auch einige Probleme mit sich: Wohnungsnot, Verkehrschaos und wachsende soziale Ungleichheit sind nur einige der Herausforderungen, mit denen sich Städteplaner*innen auseinandersetzen müssen. Wie soll sie aussehen, die Stadt von morgen? Wer hat in ihr Platz und wer gestaltet das Leben und Arbeiten?

Diese Fragen stellen sich sowohl Wissenschaftler*innen der Wachtstumskritik als auch Aktivist*innen verschiedener Bewegungen für soziale Gerechtigkeit. Sie zusammenzubringen und einen produktiven Diskurs zu ermöglichen hat sich Anton Brokow-Loga, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar, zur Aufgabe gemacht. Denn es gibt zwar viele kleine lokale Initiativen wie zum Beispiel Transition Town, die sich für eine sozial gerechte Stadt einsetzen, aber es fehlt bisher die Einbindung in institutionalisierte Strukturen und Planungsprozesse. »Ich wollte alles zusammen denken« sagt er. Brokow-Loga ist überzeugt, dass Stadtpolitik und -planung als Handlungsfeld genutzt werden muss, um eine nachhaltige und sozial gerechte Stadt zu schaffen. Mit seiner gemeinsam mit Frank Eckhardt organisierten Konferenz zum Thema »Postwachstumsstadt« wollte er akademische und aktivistische Perspektiven auf das Thema zusammenbringen, um so zu Denkanstößen zu gelangen, wie Städte und Stadtpolitik jenseits von Wachstumszwang gestaltet werden kann. Daher traten nicht nur Forscher*innen auf dem Gebiet der Stadt- und Raumforschung in Erscheinung, sondern auch lokale und überregionale Initiativen, die konkrete Erfahrungen aus ihrer Arbeit in verschiedenen Städten teilten. Dazu gehörten beispielsweise das Mietshäuser Syndikat, eine Beteiligungsgesellschaft zum gemeinschaftlichen Erwerb von Häusern, oder ein Vertreter der Transition Town Weimar, der seine Stadt als Ort des Wandels in einem Stadtrundgang präsentierte.

Das aus dieser Konferenz entstandene Projekt »Postwachstumsstadt« will nun langfristig Akademische Forschung, Administrative Politik und gesellschaftliches Engagement miteinander vernetzen. Dabei soll weniger das Ziel sein, genau vorzugeben, wie eine Postwachstumsstadt auszusehen hat, sondern durch eine Verknüpfung von Theorie, Praxis und auch ein bisschen Utopie verschiedene Menschen zusammenzubringen und den Austausch zu fördern. Auf der hierfür eingerichteten Plattform www.postwachstumsstadt.de können alle Interessierten miteinander in Verbindung treten; es ist Raum für Vernetzung, Termine, Arbeitsgruppen, Diskussionen – und die Beteiligung eines/einer Jeden erwünscht!

Der Prozess des Projekts ist so offen und partizipativ, wie auch die Postwachstumsstadt sein soll – jede*r kann sich beteiligen und Ideen auch abseits disziplinärer Grenzen einbringen. Dies soll auch das nachfolgende stehende »Manifest für das gute Leben in der Stadt für alle« zum Ausdruck bringen, welches das Konzept der Bewegung zusammenfast. Das Manifest verfassten Anton Brokow-Loga und Friederike Landau auf Grundlage der vielfältigen Beiträge zum Projekt. Das Poster zum Manifest, welches von Sandra Bach und Katharina Scholz gestaltet wurde, können Sie hier herunterladen.

 

Postwachtumsstadt. Manifest für das gute Leben in der Stadt für alle.
 
Postwachstumsstadt denken.

Städtisches Leben ist geprägt von sozialen und ökologischen Konflikten!

Die Stadt, die immer weiter wachsen und mehr produzieren muss, ist am Ende. Auf Dauer sind ausbeuterische Märkte und Flächenfraß nicht nachhaltig für die Entwicklung von Städten. »Höher, schneller, weiter« funktioniert nicht mehr - wir sehen, dass Wachstum als unumstößliches Prinzip Natur- und Lebensräume zerstört.

Eine Stadt für alle, aber nicht auf Kosten weniger!

Stadtpolitische Gegen-Entwürfe wie Commoning, Gemeinwohl-Ökonomie, Kreislaufwirtschaft oder Quartiersräte können unsere Städte gerechter machen! Damit das Bewusstsein zu tatsächlichen Veränderungen im Alltag führt, müssen wir diese Konzepte stärker aufeinander beziehen und als Ansätze eines Ökosystems Stadt denken. Aus den vielfältigen Ansätzen formen wir die mentalen und materiellen Infrastrukturen der Stadt der Zukunft!

Postwachstumsstadt machen.

Stadtpolitik in Bewegung bringen!

Unter dem Motto »das gute Leben für alle« versammeln sich neue Ideen von städtischem Wohnen, Teilen, Zusammenleben. Die Postwachstumsstadt wird getragen durch Solidarität und Miteinander, auch wenn unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen über »das gute Leben« fortbestehen. Für soziale und ökologische Gerechtigkeit brauchen wir Allianzen zwischen bestehenden und neuen Gruppen, Initiativen, Akteur*innen!

Wandel zwischen Graswurzel und Parlamenten

Das Konzept der Postwachstumsstadt überwindet den Gegensatz von bottom-up oder top-down. Stattdessen geht es um die Wechselwirkungen zwischen den verschiedensten Gruppen und Akteur*innen, egal ob sie im Parlament sitzen, ein Unternehmen führen, zur Schule gehen oder Kinder großziehen. Städtische Institutionen sind nicht naturgegeben, sondern gemacht – wir verstehen sie als »geronnene Praxis«. Die Postwachstumsstadt setzt auf Demokratisierung und neue Formen der politischen Organisation und Vertretung.

Postwachstumsstadt fühlen.

Zwischen Depression, Abgas-Schwindel und Roboter-Beziehungen

Im Zuge von Digitalisierung und Automatisierung von Arbeit fühlen sich manche Menschen zunehmend ausgebrannt, überfordert, überreizt, und im schlimmsten Falle als nutzlose Teile der Gesellschaft. In der Postwachstumsstadt haben alle Menschen ihren Platz und gehen je nach ihren Fähigkeiten einer sinnvollen Beschäftigung nach, die sozial anerkannt wird. Das Leben in der Postwachstumsstadt riecht und schmeckt nach Erfüllung, Solidarität und Gemeinschaft.

Wie könnte sich die Postwachstumsstadt anfühlen?

Städte könnten fundamental anders sein, aussehen, schmecken, riechen, sich anfühlen. Um uns das vorstellen zu können, brauchen wir neue Ideen, Bilder, Sinne für das Erleben der Städte. Wie könnte eine Stadt ohne Auto-Verschmutzung riechen? Wie würde sich eine Stadt ohne Baulärm anhören? Wie fühlt sich die klimagerechte und solidarische Stadt der Zukunft an?

Sind Sie Städteplaner*in, Architekt*in, Ingenieur*in, Postwachstumsforscher*in oder einfach interessiert am Konzept der Postwachstumsstadt? Dann bringen Sie sich ein! Die Postwachstumsstadt braucht ihre Ideen und Konzepte – teilen Sie sie auf www.postwachstumsstadt.de.

Mehr erfahren 

Konturen einer solidarischen Stadtpolitik

Städte ohne Wachstum - eine bislang kaum vorstellbare Vision. Doch Klimawandel, Ressourcenverschwendung, wachsende soziale Ungleichheiten und viele andere Zukunftsgefahren stellen das bisherige ...   

Mehr zu den Herausgebern 

Anton Brokow-Loga ist transdisziplinärer Forscher an der Schnittstelle von Urbanistik, Politikwissenschaft und Transformationsforschung. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an ...

mehr Informationen  

Frank Eckardt hat an der Universität Kassel in Politikwissenschaften promoviert und hat seit 2008 die Professur für Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar inne.

mehr Informationen  

Weitere BeiträgeAlle anzeigen  

Bild zu Warum Suffizienz nicht gleich Verzicht ist
Genügsamer Lebensstil

Niko Paech sieht in der Corona-Krise eine Chance – für ein Experimentieren und Umdenken in Richtung Nachhaltigkeit und Genügsamkeit.   

Bild zu By design, not by disaster!
Coronakrise und Postwachstum

Eine Wirtschaft ohne Wachstum – in der aktuellen Coronakrise wirkt das für viele wenig attraktiv. Warum die Idee dennoch richtig ist und wie die ersten Schritte gelingen könnten.   

Bild zu Radikale Visionen für ein nachhaltiges Ernährungssystem
Transformation

Die Landwirtschaft in vielen kleinen, aber radikalen Schritten umzubauen, empfiehlt die Transformationsforscherin Maja Göpel. Kann ausgerechnet eine Pandemie dafür eine Chance bieten?   

Ihr Warenkorb
Ihr Warenkorb ist leer.

Für Kunden aus EU-Ländern verstehen sich unsere Preise inklusive der gesetzlichen Mehrwertsteuer und – außer bei digitalen Publikationen – zuzüglich Versandkosten.