Pflanzenpflege

Gartenweisheiten auf dem Prüfstand

Schon die Großeltern haben immer gesagt, dass man Pflanzen nur abends bewässern sollte, weil sie sonst verbrennen. Aber stimmt das eigentlich? Es gibt einige solcher Weisheiten rund um das Thema Garten, die von Generation zu Generation weitergegeben, aber nie überprüft werden. Deshalb ist Charles Dowding den Dingen auf den Grund gegangen und präsentiert, welche populären Garten-Mythen sich als nicht ganz richtig erwiesen haben.

15.04.2020

Gartenweisheiten auf dem Prüfstand | Garten

Mythos: »Gemüsesamen sollten im Frühling gesät werden«

Teilweise richtig

Viele Gärtner machen sich Sorgen darüber – und werden darin von denjenigen bestärkt, die schon frühzeitig gesät haben –, dass bei den ersten Anzeichen des Frühlings bereits alle Samen in der Erde sein müssen. Das ist allerdings nicht immer richtig; wenn man die besten Ergebnisse erzielen will, gibt es für die verschiedenen Gemüsesorten unterschiedliche Zeiten der Aussaat, von Februar bis November. Eigentlich ist es sogar ein ziemlich guter Tipp, sich im Frühling in Geduld zu üben, da bei Wärme liebenden Pflanzen die später gesäten oft die früher gesäten einholen. Halten Sie zu jeder Zeit unterschiedliche Samen bereit, damit die Fläche im Garten immer voll genutzt ist und Sie jeden Monat ernten können.

Hier einige Hinweise dazu, wann man Gemüse im Freien am besten aussät:

  • Früher oder später Winter: Ackerbohnen
  • Vorfrühling: Erbsen, Spinat, Salat, Pastinaken, Zwiebeln, Frühkartoffeln, Brokkoli und Karotten.
  • Mittfrühling: Lagerkartoffeln, Rote Beete, Lauch, Herbstkohl.
  • Spätfrühling: Mangold, Rosenkohl, Speisekürbis, Zucchini, Schnitt- und Stangenbohnen, Kohlrüben.
  • Frühsommer: Gurken, Karotten und Rote Beete für den Winter, Grünkohl, Wirsing, Sommersalat.
  • Mittsommer: Radicchio, Koriander, Kerbel, Wilde Rauke.
  • Spätsommer: Rucola, Asia-Salate, Endivie, Spinat für den Winter, Frühlingskohl und Zwiebeln.
  • Frühherbst: eine breite Auswahl an Wintersalaten.
  • Herbstmitte: Knoblauch.

 

Mythos: »Gießen bei praller Sonne schädigt die Blätter«

falsch

Dieser Mythos hat eine treue Anhängerschaft, und trotzdem hat kein Mensch, den ich kenne, jemals »Blattverbrennungen« infolge Gießens bei hellem Sonnenlicht gesehen, übrigens auch kein Forscher. Dr. Gábor Horvath, der im Jahr 2009 an der ungarischen Eötvös-Universität in Budapest ein Experiment leitete, stellte fest: »Um dieses Problem haben sich bisher nur Amateure, Gärtner und Laien gekümmert, die lediglich Spekulationen anstellen konnten. Die Konsequenz ist, dass das Feld von Mythen beherrscht wird.« Die ungarischen Physiker untersuchten die Folgen, die sich aus dem Gießen unter Sonneneinstrahlung ergaben, und setzten auch Computermodelle ein, ohne irgendeinen Hinweis auf Blattschäden zu entdecken. Das Einzige, was man fand, waren ein paar Ablagerungen von verunreinigtem Wasser auf den Blättern, die man vielleicht fälschlicherweise für eine Schädigung halten konnte.

Zur Überprüfung ihrer Experimente legten die Forscher Glasperlen auf die Blätter, welche tatsächlich zu Verbrennungseffekten führten. So wurde nachgewiesen, dass man durch Bündelung von Licht zwar Blattverbrennungen herbeiführen kann, aber eben nicht durch Wassertropfen. Das liegt daran, dass Wassertropfen sich auflösen und verdunsten, bevor der Schaden entsteht, und zu dicht auf der Blattoberfläche liegen, um durch den Vergrößerungseffekt Schaden anzurichten. Dies leuchtet ein; andernfalls würde bei Schauerwetter, wenn plötzlich die Sonne hervortritt, manchmal noch während es regnet, ein riesiger Schaden entstehen!

In meinen Augen ist es wirklich sehr hilfreich, dass man dies nun weiß, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Setzlinge und kleine Pflanzen in Anzuchtschalen und Modulen haben an heißen Tagen nachmittags oft keine Feuchtigkeit mehr; jetzt kann man sie bei Sonnenschein mit genug Wasser versorgen, damit die Anzuchterde vollständig durchfeuchtet ist.
  • Großen Pflanzen mit hohem Wassergehalt kann man nun helfen, durch einen Tag von intensiver heißer Sonneneinstrahlung zu kommen. Dies gilt insbesondere für schnell wachsende Gurkensorten, die nach einer solchen Bewässerung oft wieder aufleben, nachdem sie vorher Mühe gehabt hatten, über ihre Wurzeln an genügend Wasser zu kommen; stattdessen können sie nun das Wasser durch die Spaltöffnungen auf ihren Blättern aufnehmen, die daraufhin nicht mehr verwelkt aussehen, sondern wieder ihr normales fleischiges Aussehen annehmen. Um diese Verwandlung zu erzielen, braucht es nur ganz wenig Wasser, es ist also höchst effizient.

 

Mythos: »Man muss Salat alle zwei bis drei Wochen säen, um durchgehend ernten zu können«

falsch

Dieser Mythos ist eher irreführend als falsch, da er davon ausgeht, dass Sie Salat als Salatherzen ernten. Wenn Sie stattdessen Salatblätter ernten, können die Abstände zwischen neuen Aussaaten sich auf zwei bis drei Monate anstatt auf zwei bis drei Wochen verlängern. Pflanzen Sie den Salat im Abstand von 22 Zentimetern, und schneiden Sie ihn oben nie quer mit dem Messer ab; so werden die kleinen Blätter in der Mitte nicht beschädigt und können schneller wachsen. Pflücken Sie nur die äußeren Blätter ab, mit Zeigefinger und Daumen, und dies regelmäßig, dann können die Pflanzen im Frühling weiterhin bis zu zwölf Wochen neue Blätter produzieren, bis der Salat schießt und einen Blütenstand bildet.

Ich produziere Salat ohne Unterbrechung von Ende April bis Oktober, mit nur zwei Aussaaten: die erste im Februar oder März und die zweite im Juni. Mit dieser Methode produziere ich seit über zehn Jahren abgepackte Salate und lege den Schwerpunkt dabei auf sorgfältiges Pflücken und nicht auf häufiges Säen. Für das Ernten von Salatblättern benutze ich nie ein Messer (nicht »Schneiden und nachwachsen lassen«, sondern »Pflücken und nachwachsen lassen«.) Wollen Sie das ganze Jahr hindurch ernten, brauchen Sie einen an organischem Material reichen Boden, damit die Pflanzen gesund bleiben; säen Sie in Module, und zwar im Spätwinter, Frühsommer, Mittsommer und Frühherbst, mit etwas Schutz für die letzte Aussaat über den Winter – mehr gegen Wind als gegen Frost.

Welche Gartenmythen es noch gibt und wie ernst sie zu nehmen sind, erfahren Sie im Buch »Gelassen gärtnern«!

Dieser Beitrag stammt aus 

99 Gartenmythen und was von ihnen zu halten ist

Glauben Sie auch, dass Gemüsesorten definierte Abstände voneinander brauchen, das Entfernen von Tomatenblättern bei der Reifung der Früchte hilft oder Gießen bei praller Sonne die Blätter schädigt?   

Mehr zum Autor 

Charles Dowding hat sich schon früh dem Biogärtnern zugewandt hat. In Großbritannien zählt er zu den bekanntesten Experten für Organic Gardening, auf Deutsch erschien zuletzt sein erfolgreicher Ratgeber »Gemüsegärtnern wie die Profis«.

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