Zum Pestizideinsatz in Südtirol

Gespritzte Äpfel für ganz Europa

Die Bedeutung der Südtiroler Apfelernte für ganz Europa ist enorm. Der Pestizideinsatz in den Apfelplantagen ist es ebenfalls. Das Umweltinstitut München hat ausführlich recherchiert und untersucht, welche chemischen Wirkstoffe in den Apfelplantagen eingesetzt werden und wie sie sich verbreiten. Karl Bär, Agrarreferent im Umweltinstitut, gibt eine Übersicht.

07.09.2020

Gespritzte Äpfel für ganz Europa | Pestizide Lebensmittel
»Das Apfelland« – Bedeutung des Apfelanbaus in Südtirol für Europa und Deutschland

In Südtirol stehen auf rund 18.400 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche Apfelbäume. Rund 950.000 Tonnen Äpfel werden jährlich geerntet. Das entspricht etwa 50 Prozent der italienischen Apfelernte und fast zehn Prozent der Apfelernte in der EU. [1]

Die italienische Provinz Südtirol, die nur etwas größer ist als der kleinste bayerische Regierungsbezirk Oberfranken, produziert damit in etwa so viele Äpfel wie die gesamte Bundesrepublik Deutschland. [2] Diese Produktion findet lediglich auf einem schmalen Streifen von nur wenigen Kilometern Breite statt, da der Rest des Landes aus Gebirge besteht.

Möglich ist dies wegen des günstigen Klimas und der hohen Intensität des Apfelanbaus in Südtirol. Pro Hektar ernten Obstbetriebe in Südtirol im Durchschnitt 51,3 t Äpfel. [3] Der italienische Durchschnitt liegt bei 41,3 t, der deutsche bei 29,7 t und in der gesamten EU werden durchschnittlich nur 22,2 t pro Hektar Apfelplantage und Jahr geerntet. [4]

Die Südtiroler Äpfel werden überallhin exportiert. Selbst in Spanien, woher Deutschland viel Gemüse importiert, kann man die Äpfel aus Südtirol mit dem Marienkäfer-Logo kaufen. Etwa 20 Prozent der Südtiroler Ernte werden nach Deutschland exportiert. [5] Damit kommt in etwa jeder zehnte Apfel in Deutschland aus Südtirol. [6]

Äpfel aus Südtirol – warum werden so viele Pestizide für den Anbau benötigt?

Die hohe Intensität des Apfelanbaus bedingt einen hohen Pestizideinsatz. Auch wenn die durchschnittliche Fläche pro Betrieb mit unter drei Hektar[7] in Südtirol recht klein ist, bildet die große Menge kleiner Flächen auf über 18.000 ha insgesamt eine riesige Monokultur, die anfällig für die Ausbreitung von Schädlingen ist.

Bei der Sortenwahl setzt die Südtiroler Apfelwirtschaft auf wenige, oft sehr für Pilzerkrankungen anfällige Sorten wie »Golden Delicious« oder »Gala«. Insgesamt war 2017 fast 70 Prozent der Südtiroler Apfelfläche mit stark krankheitsanfälligen Sorten bepflanzt, wobei alleine »Golden Delicious« und »Gala« rund die Hälfte der Fläche ausmachten. [8]

Dieses Anbausystem ist mit einem sehr hohen Pestizideinsatz verbunden. Dabei spielen vor allem Fungizide und Insektizide eine große Rolle. Unkrautvernichter wie Glyphosat werden nur unter den Bäumen eingesetzt und spielen von der Menge her eine untergeordnete Rolle.

Wie hoch ist die Pestizidbelastung in Südtirol?

Neben Äpfeln wird in Südtirol auch Wein angebaut, was ebenfalls vergleichsweise pestizidintensiv ist. Zugleich wird in den Teilen des Landes, wo Apfelanbaubau nicht möglich ist, mit Milchviehhaltung eine andere Form der Landwirtschaft betrieben, die im Grünland, also auf Wiesen und Weiden, kaum Pestizide einsetzt.

Laut aktuellen Zahlen des italienischen statistischen Bundesamts ISTAT wurden in Südtirol im Jahr 2017 rund 37,8 kg Pestizidwirkstoffe pro Hektar anwendbarer Fläche (also gartenbauliche und landwirtschaftliche Nutzfläche ohne Wiesen und Weiden) verkauft. Der Wert schwankt stark, weil die verkauften Mengen nicht sofort eingesetzt werden müssen, das Wetter die Erntemenge, Schädlingspopulationen und Pilzkrankheiten stark beeinflusst und die Entwicklung neuer Wirkstoffe die Wirksamkeit und Nebenwirkungen pro kg verändert.

In den Jahren 2001-2017 lag der höchste Wert verkaufter Pestizidwirkstoffe mit 58,8 kg/ha im Jahr 2006 und der niedrigste Wert mit 31,9 kg/ha im Jahr 2012. [9] Im Vergleich dazu liegt der Wert für Italien insgesamt zwischen 10,3 kg/ha im Jahr 2002 und 5,9 kg/ha im Jahr 2013. [10]

Welche Pestizide werden in der südtiroler Obstwirtschaft eingesetzt?

Die meisten Südtiroler Obstbaubetriebe arbeiten nach den Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für Integrierten Kernobstbau in Südtirol, kurz AGRIOS. Diese Richtlinien sind strenger als die italienische Gesetzeslage, erlauben jedoch sehr viele Pestizideinsätze und Wirkstoffe, die selbst von der EU-Kommission als problematisch eingestuft werden oder in Deutschland nicht mehr zugelassen sind.

In den AGRIOS-Richtlinien von 2017 – das Jahr, in dem Arnold Schuler seine Anzeigen erstattete – waren zehn Wirkstoffe zugelassen, welche die EU-Kommission wegen besonderen Gefährdungspotentials ersetzen möchte (Substitutionskandidaten) [11]: Thiacloprid, Pirimicarb, Bromadiolone, Difenoconazol, Etofenprox, Fludioxonil, Myclobutanil, Cyprodinil, Quinoxyfen und Etoxazol.

Was sind mögliche Auswirkungen der Pestizide auf Mensch und Natur?

Einige sehr problematische Wirkstoffe wie

  • Phosmet (steht im Verdacht, die Fruchtbarkeit von Menschen zu schädigen),
  • Chlorpyrifos-methyl (schadet der Gehirnentwicklung von Kindern im Mutterleib),
  • Clothianidin (extrem giftig für Bienen),
  • Iprodione (Verdacht auf krebserregende Wirkung),
  • Thiamethoxam (extrem giftig für Bienen),
  • Emamectin benzoate (extrem giftig für Bienen),
  • Thiram (Gefahren für Anwender*innen und Konsument*innen),
  • Propineb (Abbauprodukt des Wirkstoffs greift ins menschliche Hormonsystem ein),
  • Metiram und Mancozeb (Verdacht auf Schäden bei Föten),

die die AGRIOS-Richtlinien 2017 erlaubten, wurden in Deutschland zur selben Zeit im Apfelanbau nicht eingesetzt, weil keine Mittel mit diesen Wirkstoffen eine Zulassung durch das hierzulande zuständige Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hatten.

Einige dieser Stoffe sind inzwischen europaweit verboten oder ihr Einsatz drastisch eingeschränkt, z.B. Thiacloprid, Propineb, Iprodione, Chlorpyrifos-methyl, Clothianidin und Thiamethoxam. Ebenfalls im Freiland verboten ist seit 2019 das Insektengift Imidacloprid, von dem weniger als 4 ng genügen, um eine Biene zu töten und das noch 2018 in Deutschland wie in Südtirol im Einsatz war.

An Stoffen, die schon längst als gefährlich erkannt wurden, hält die Südtiroler Obstwirtschaft erfahrungsgemäß bis zum Schluss fest. So riet der Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau seinen Mitgliedern noch im Februar 2020 dazu, das Insektengift Chlorpyrifos-methyl zu kaufen und zu benutzen, das im Januar 2020 nach langer Diskussion von der EU-Kommission mit Wirkung zum 16. April verboten wurde, weil es Hinweise auf Schäden für die Gehirnentwicklung für Kinder gibt. Auf die Frist im April wies der Beratungsring dabei extra hin. Wissenschaftler*innen warnten schon seit Jahren vor diesem Mittel und schon 2012 wurde sein Einsatz in Südtirol öffentlich kontrovers diskutiert. [12]

Auch das Insektengift Thiacloprid, das als fruchtbarkeitsschädigend gilt und das im Verdacht steht, ins menschliche Hormonsystem einzugreifen, wird noch das ganze Jahr 2020 in Südtirol im Einsatz sein. Das im Januar 2020 beschlossene europaweite Verbot der Chemikalie tritt erst zum Jahreswechsel in Kraft. [13]

Wie verbreiten sich die Gifte in der Luft?

Die Pestizidwirkstoffe sollen beim Einsatz in den Obstanlagen den ganzen Baum erreichen. Es wird also seitwärts auf eine Höhe von bis zu drei Metern gespritzt. Deshalb gibt es ein hohes Risiko, dass die Pestizide direkt beim Einsatz aus den Apfelanlagen herausgeweht werden.

Die Abdrift ist ein Kernproblem des Konflikts um Pestizide in Südtirol und ständiger Anlass für Nachbarschaftsstreits und politische Debatten. Die Landesregierung und AGRIOS reagieren darauf immer wieder mit technischen Neuerungen und Verschärfungen von Auflagen. Die letzte Neuerung ist erst zum 1.1.2020 in Kraft getreten und zwingt die Obstbetriebe, beim Spritzen Injektordüsen zu verwenden. [14]

Doch technische Maßnahmen lösen das Problem nicht. Während die Südtiroler*innen im Frühling 2020 wegen des Coronavirus zu Hause bleiben mussten, kochte die Diskussion trotz der neuen Regeln wieder hoch: Viele Menschen hatten Sorgen, sich im eigenen Garten aufzuhalten, während in der Nachbarschaft im Frühling besonders viel gespritzt wird. [15]

Wie die Abdrift der Pestizide die Umwelt belastet

Mit eigenen Untersuchungen im Vinschgau konnte das Umweltinstitut München im Jahr 2018 nachweisen, dass vom Frühling bis mindestens August durchgehend eine Belastung mit Pestiziden in der Luft besteht und dass einige der Pestizidwirkstoffe selbst drei Kilometer von der nächsten wahrscheinlichen Quelle entfernt – auf 1600 Meter Höhe an einem Berghang – noch nachgewiesen werden konnten. [16] Aktuelle Untersuchungen aus dem angrenzenden Münstertal zeigen zudem, dass die Mittel vereinzelt noch weiter verfrachtet werden und sogar das Biosphärenreservat auf der Schweizer Seite des Münstertals erreichen.

Die Abdrift führt auch zu Konflikten zwischen konventionellen Obstbetrieben und der biologischen Landwirtschaft, die auch in Südtirol immer stärker wird. Bio-Produkte können durch die Abdrift so stark mit Pestiziden verunreinigt werden, dass sie nicht mehr als »bio« verkauft werden dürfen. Alexander Schiebel schildert in seinem Buch »Das Wunder von Mals« Fälle von Bio-Betrieben, die darüber öffentlich sprechen – und dafür von ihren Nachbar*innen und Kolleg*innen geächtet werden.

 


1 https://www.suedtirolerapfel.com/de/suedtirol-und-der-apfelanbau/anbaugebiet.html. Abgerufen am 6.4.2020.
2 In Südtirol werden laut der Homepage »Südtiroler Apfel« 950.000 t pro Jahr geerntet. In Deutschland laut dem statistischen Bundesamt im Schnitt der 10 Jahre von 2009-2018 949.773,3 t pro Jahr.
3 Berechnet aus den Angaben oben durch einfache Rechnung Erntemenge geteilt durch Anbaufläche.
4 Bei den Zahlen handelt es sich jeweils um 10-jährige Durchschnitte berechnet aus Daten der FAO: http://www.fao.org/faostat/en/#data/QC
5 https://www.suedtirolerapfel.com/de/suedtirol-und-der-apfelanbau/anbaugebiet.html. Abgerufen am 6.4.2020.
6 Im Mittel aus den Jahren 2016-2019 wurden in Deutschland 1.828.000 t Äpfel verbraucht (https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/SJT-4040800-0000.xlsx)
7 https://www.suedtirolerapfel.com/de/suedtirol-und-der-apfelanbau/anbaugebiet.html
8 Quelle für die Zahlen ist der Tätigkeitsbericht des Südtiroler Apfelkonsortiums 2018/2019, Seiten 7f https://www.apfelwelt.it/smartedit/documents/content/ sub/_published/apfel_tb19_5-final-einzelseiten_2.pdf
9 Bei den Daten handelt es sich um eigene Berechnungen auf der Basis der Werte für die verkauften Pestizidwirkstoffe und die anwendbare Fläche für die Provinz Südtirol in den Jahresberichten des italienischen Statistikamts ISTAT (annuario statistico italiano): https://www.istat.it/it. Aktuellere Daten sind derzeit noch nicht verfügbar (Stand 30.7.2020).
10 Im Jahresbericht der italienischen Umweltbehörde ISPRA von 2018 stehen die Zahlen für Italien in der Tabelle auf Seite 33: https://www.isprambiente.gov.it/files2019/pubblicazioni/stato-ambiente/annuario-2018/1_Agricoltura.pdf
11 Die Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft für den Integrierten Kernobstanbau in Südtirol (AGRIOS) für das Jahr 2017 finden Sie hier: https://www.umweltinstitut.org/fileadmin/Mediapool/Downloads/01_Themen/05_Landwirtschaft/Pestizide/Suedtirol/AGRIOS_Richtlinien_2017.pdf Quelle für die Einstufung als Substitutionskandidaten ist die Pestiziddatenbank der Europäischen Kommission: https://ec.europa.eu/food/plant/pesticides/eu-pesticides-database/public/?event=activesubstance.selection&language=EN
12 https://www.umwelt.bz.it/index.php?option=com_k2&view=item&task=download&id=115_48a4acb4dfe8c857971c3b851d6d72b5
13 http://www.umweltinstitut.org/presse/presse-details/aspresse/129/skandal-um-integrierten-anbau-in-suedtirol.html
14 http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=628354
15 Beispiele sind die kommunalpolitische Diskussion in Meran (DE: https://www.suedtirolnews.it/politik/corona-krise-pestiziden-sorgen-fuer-streit-zwischen-anrainern-und-bauern IT: https://www.altoadige.it/cronaca/merano/a-sinigo-striscioni-e-proteste-basta-pesticidi-in-agricoltura-1.2310482?fbclid=IwAR0AtsGMDboogbiwOJL1GjsDxyogBEVWZV4BR4Bdc0pnkVk0Y-5tAmB8RBIs) oder dieser offene Brief einer Mitarbeiterin eines Altenheims am Stadtrand von Bozen, dessen Bewohner*innen wegen Corona das Gelände nicht mehr verlassen durften und wegen der Pestizide nicht in den Garten der Einrichtung konnten: https://www.der-malser-weg.com/mela-con-corona/
16 http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/2019/pestizide/vom-winde-verweht-luftmessungen-im-vinschgau.html

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