Fleischindustrie

Maximale Ausbeutung für maximalen Gewinn

Nach den Corona-Ausbrüchen in großen Schlachtbetrieben steht die Fleischindustrie massiv in der Kritik. Doch die teils katastrophalen Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen sind schon seit Jahren bekannt. Geändert hat sich aber bisher wenig, denn Gewinnmaximierung steht häufig vor dem Wohl von Tier und Mensch, schrieb Thomas Bernhard bereits vor einem Jahr in der Ökologie & Landbau. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir seinen Text hier noch einmal.

24.06.2020

Beim Blick hinter die Kulissen von Leben und Tod in der deutschen Fleischwirtschaft offenbaren sich nicht nur für Tiere unsägliche Zustände. Der Mensch wird im Produktionsprozess in manchen Bereichen ebenfalls zerschlissen. Insgesamt waren 2017 rund 161 800 Personen in Betrieben der deutschen Fleischwirtschaft sozialversicherungspflichtig beschäftigt. In Deutschland gibt es etwa 890 zugelassene Schlachthöfe, die meisten haben mehr als 50 Beschäftigte. Wesentliche Missstände finden sich primär in diesem Bereich der Fleischgewinnung. Fast 35 000 Menschen arbeiten in der Schlachtbranche, hinzu kommt eine statistisch nicht erfasste Zahl von Beschäftigten aus Ost- und Südeuropa. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss- Gaststätten (NGG) geht davon aus, dass sich diese Zahl im fünfstelligen Bereich bewegt.

Nachdem sich die größten Betriebe der Branche im Oktober 2015 der freiwilligen Selbstverpflichtung angeschlossen haben, wird heute der überwiegende Teil dieser Arbeitnehmer nach deutschem Arbeitsrecht beschäftigt. Die Anstellung erfolgt aber nicht in den Unternehmen der Schlachtwirtschaft. Denn fast 90 Prozent der Arbeitnehmer in Schlachthöfen sind bei externen Dienstleistern beschäftigt und kommen vor allem aus Rumänien, Bulgarien, Polen oder Litauen.

Arbeiten unter Hochdruck

Geschlachtet wird so lange, bis das letzte Tier getötet ist und im Kühlhaus hängt. Die Temperaturen im Schlachtbereich sind aufgrund der Körperwärme der Tiere hoch, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 70 bis 80 Prozent. Heutzutage werden große Gruppen von Schlachttieren mit LKWs angeliefert. Dadurch kommt es immer wieder zu Verzögerungen im Arbeitsablauf, die zu mehreren Überstunden pro Tag führen können. Solche Arbeitsunterbrechungen werden den ausländischen Beschäftigten häufig nicht ausbezahlt, da sie ihre Rechte aus Unkenntnis nicht einfordern können. Gezahlt wird in der Regel nach Anzahl geschlachteter Tiere. Um das im Stundensatz nach dem deutschen Mindestlohn von 9,19 Euro pro Stunde (seit 1. Januar 2020 9,35 € die Stunde, Anm. d. Red.) karge Entgelt aufzubessern, sind die Beschäftigten gerne bereit, auch an in Maximalgeschwindigkeit laufenden Schlachtbändern zu arbeiten. Dieser Arbeitsdruck führt mitunter zu schweren Verletzungen.

Die zweite Produktionsstufe ist die Zerlegung der Tiere. Auch hier sind Überstunden die Regel. In den Hallen wird bei einer Umgebungstemperatur von maximal sieben Grad Celsius und hoher Luftfeuchtigkeit so lange gearbeitet, bis das Kühlhaus leer ist. Hier ist die Arbeit besonders schwer und anstrengend. Die grobe Zerlegung erfolgt meist am hängenden Tier. An den Zerlegebändern stehen die Kollegen häufig dicht gedrängt. Zum Herauslösen der Knochen müssen sie die Tierkörperteile oft drehen und wenden. So muss ein Zerleger nicht selten mehrere Tonnen Fleisch am Tag bewegen. Bei der Zerlegung nutzen die Arbeiter extrem scharfe Messer, trotz verpflichtender Arbeitsschutzausrüstung sind Schnittverletzungen an der Tagesordnung. Zusätzlich hat sich die allgemeine Beschäftigungssituation in den vergangenen beiden Jahren maßgeblich verschlechtert. Denn aufgrund der konjunkturbedingt guten Voraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt verlassen viele Beschäftigte die Schlachthöfe für besser bezahlte und körperlich weniger anspruchsvolle Tätigkeiten. Der daraus folgende Arbeitskräftemangel führt zu verstärktem Druck am Arbeitsplatz.

Unsägliche Rahmenbedingungen

Die Werkvertragsnehmer verpflichten sich als Dienstleister zu einer konkreten Leistung gegenüber dem Schlachthofbetreiber. Liefern sie diese nicht ab, drohen Strafen oder der Verlust des Auftrags. In der Praxis muss demnach die vereinbarte Tagesleistung erbracht werden. Dabei ist es unerheblich, wie viele Menschen für die geforderte Leistung zur Verfügung stehen. Aufgrund des Preisdrucks ist die Anzahl der eingesetzten Beschäftigten meist nicht sehr hoch. Werden Mitarbeiter krank, bekommen sie in vielen Fällen keine Lohnfortzahlung. Je länger die Krankheit dauert, desto wahrscheinlicher verlieren sie ihren Arbeitsplatz. Oft arbeiten die Betroffenen daher mit einer Erkältung oder sogar mit ansteckenden Krankheiten weiter.

Etwa ein Drittel dieser Menschen arbeiten bereits seit einigen Jahren in Deutschland und leben in einer eigenen Wohnung. Ein weiteres Drittel arbeitet seit Längerem in Deutschland, wohnt aber in meist durch den Arbeitgeber vermittelten Sammelunterkünften. Dazu kommen Saisonkräfte, die jeweils nur wenige Monate bis zu einem Jahr in Deutschland beschäftigt sind. Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass sie aufgrund von Sprachbarrieren nur wenig Kontakt zur deutschsprachigen Gesellschaft haben. Allein die große Anzahl der unterzubringenden Menschen befördert zweifelhafte Geschäftspraktiken. Oft reicht der vorhandene Wohnraum aufgrund der Wohnungsnot kaum für die örtliche Bevölkerung, sodass teilweise ungeeignete Immobilien zu unverhältnismäßigen Mietpreisen als Unterkünfte angeboten werden. Bisweilen sind die Beschäftigten in ehemaligen Gewerbeobjekten eingepfercht. Die Eigentümer dieser zum Teil abbruchreifen Immobilien lassen sich meistens nicht feststellen.

All diese Missstände sind seit Jahren bekannt. Deshalb hat der Deutsche Bundestag im Sommer 2017 das »Gesetz zur Sicherung von Arbeitnehmerrechten in der Fleischwirtschaft« verabschiedet. Nun ist derjenige für die Arbeitsbedingungen haftbar, der einen Werkvertrag vergibt oder einen Subunternehmer beauftragt – also die großen Schlachthöfe selbst. Doch laut Recherchen der »Süddeutschen Zeitung« schwächt dieses Gesetz die Arbeitnehmerrechte, anstatt sie zu stärken. Kontrolliert würde nun seltener als zuvor und teils so, dass man gar keine Verstöße finden könne, so die Kritik. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium führte die zuständige »Finanzkontrolle Schwarzarbeit« 2017 bundesweit nur noch 233 Kontrollen in der Fleischwirtschaft durch. 2015 waren es noch 445.

Der Anteil an Biofleisch in der deutschen Fleischwirtschaft liegt bei etwa zwei bis drei Prozent der gesamten Fleischmenge. Biotiere werden ebenfalls in konventionellen Schlachthöfen geschlachtet, jedoch größtenteils in Handwerksbetrieben. In diesen Kleinstbetrieben mit maximal 30 Beschäftigten inklusive Werk und Leihverträgen sind die Bedingungen gänzlich andere. Dort sind üblicherweise deutsche Beschäftigte zu guten Bedingungen angestellt. Vor allem der Arbeitsdruck ist aufgrund kleinerer Schlachtzahlen wesentlich geringer. Doch in der vertraglichen Zusammenarbeit mit Aldi musste sich zum Beispiel Neuland verpflichten, seine Tiere beim größten deutschen Schlachthof Tönnies in Rheda-Wiedenbrück schlachten zu lassen.

Dieser Beitrag stammt aus 

Würde bis zuletzt?

Schlachten ist so alt wie die Menschheit. Doch erst die neuere Zeit hat das industrialisierte massenhafte Töten von Tieren hervorgebracht. Dabei geraten Missstände immer wieder in die Schlagzeilen.   

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