Saatgut

Tütchen tauschen erwünscht

Um sich an selbstgezogenen Möhren oder Tomaten erfreuen zu können, greifen Hobbygärtner*innen häufig zu den bunten Samentütchen, die in fast jedem Supermarkt angeboten werden. Warum man bei der Saatgutwahl aber genau hinschauen sollte, erklärt Slow Food-Autor Andreas Heins und gibt Tipps, wo man wirklich gutes, nachhaltiges Saatgut herbekommt.

14.04.2020

Die Tomatenernte auf dem Balkon, im Garten, letztes Jahr war gut, die Gurken sind fleißig gewachsen und geschmeckt hat es auch. Aber wie hieß die Sorte nochmal, und wo habe ich die gekauft? Kein Problem, Sie haben ja bei der Ernte ein paar Samen aufbewahrt und die säen Sie jetzt aus! Aber die diesjährige Ernte fällt ganz anders aus, einige Samen keimen erst gar nicht, die Blattläuse feiern plötzlich Partys auf den Tomaten und das, was überlebt, ist mickerig und schmeckt auch nicht mehr wie letztes Jahr.

Das muss nicht am schlechteren Wetter oder an gärtnerischem Unvermögen liegen, wahrscheinlich haben Sie eine Hybridsorte, auch als F1 bezeichnet, gekauft. Hybride sind Sorten, die aus zwei unterschiedlichen Elternsorten gezogen werden. Nur die ersten Nachkommen, die F1 Generation, haben alle die gleichen, gewünschten Merkmale. In der nächsten Generation teilen sich die Eigenschaften wieder auf die verschiedenen Nachkommen auf, dies hat schon Mendel entdeckt. Es handelt sich sozusagen um Einwegsaatgut, das jedes Jahr nachgekauft werden muss. Besonders bei Kohlsorten treffen Hobbygärtner oft auf Hybride, die nur sterile Samen hervorbringen. Da dies durch einen Eingriff in das Erbgut bewirkt wird, ist man bei Biosamen davor gefeit, aber Hybriden sind auch dort im Handel.

Für mehr Geschmack und Vielfalt

Nicht so bei samenfesten Sorten, die Nachkommen mit den gleichen Eigenschaften wie die Eltern hervorbringen und für Vielfalt stehen – zum Teil schon über Generationen. Beim Kauf von Saatguttüten im Laden lohnt sich ein Blick auf das Kleingedruckte, steht dort Hybride oder F1, so ist das sicher keine samenfeste Sorte. Sind die Samen aus dem Versandhandel und keine Angaben im Katalog oder auf der Webseite, sollte man nachfragen. Auch sind die im Handel für Hobbygärtner angebotenen Hybriden meistens Sorten, die für den kommerziellen Anbau gezüchtet wurden, dort ist Uniformität und möglichst Unabhängigkeit von unterschiedlichen Standorten gefragt, sozusagen eine Sorte für alles.

Samenfeste Sorten sind zwar oft ungleichmäßiger und wachsen langsamer, bringen dabei aber mehr Geschmack hervor. Auch regionale Sorten sind meist samenfest und besser an die jeweiligen Standorte angepasst. Aber im Handel dürfen nur solche Sorten verkauft werden, die sich in nationalen Sortenlisten oder im EU-Sortenkatalog finden. Um dort aufgenommen zu werden, müssen die Sorten einen teuren und aufwendigen Zulassungsprozess beim Bundessortenamt durchlaufen. Mehrere Dutzend Merkmale werden abgefragt, diese müssen bei allen Saatgutproben einheitlich und über längere Zeit gleichbleibend sein. Geschmack zählt nicht zu den relevanten Merkmalen und durch die Vereinheitlichung geht die Vielfalt verloren.

Retter selten gewordener Sorten

Für regionale Sorten und sogenannte Amateursorten gilt mittlerweile eine vereinfachte Zulassungsprozedur, doch ist diese für Anbieter kleiner Mengen von Saatgut seltener oder regionaler Sorten immer noch zu aufwendig. Daher haben sich Vereine wie Dreschflegel e.V. oder Kultursaat e.V. der Aufgabe angenommen, solche Sorten beim Bundessortenamt anzumelden. Als Amateursorten werden solche bezeichnet, die »keinen Wert für den Anbau zu gewerblichen Zwecken« haben. Sie dürfen nur in Kleinverpackungen abgegeben werden.

Bei der Anmeldung regionaler Sorten wird es noch komplizierter. Voraussetzung ist, dass diese »Sorte traditionell in bestimmten Gebieten angebaut wird und an deren besondere regionale Bedingungen angepasst ist«. Auch darf die Saatgutvermehrung nur in diesen Regionen erfolgen, wobei die Abgrenzung der Region auch zu einem Streitpunkt werden könnte. Die Menge erzeugten Saatgutes wird hierbei zum Beispiel über die Anbaufläche reguliert.

Tauschbörsen und -ringe

Diese Restriktionen gelten aber nicht für den Hobbygärtner. Der Tausch von alten Sorten »über den Gartenzaun« ist weiterhin möglich, nur kommerzielle Interessen dürfen nicht verfolgt werden. Neben Tauschbörsen und Saatgutfestivals gibt es auch private Tauschringe. Hier lohnt sich, besonders für Großstädter, ein Blick auf die Webseiten lokaler Urban-Gardening oder Stadtgarten-Initiativen. Vereine wie VEN oder VERN geben auch kleine Mengen von Saatgut gegen eine Kostenpauschale ab, ebenso »Pro-SpecieRara«, allerdings nur für Mitglieder.

Wer sich persönlich für den Erhalt alter Kultursorten einsetzen möchte, kann sich auch sogenannten Erhaltungsringen anschließen. Sie kümmern sich privat um die Vermehrung von Saatgut bestimmter seltener Sorten, tauschen sich bei Problemen aus und helfen sich gegenseitig, um das gewonnene Saatgut dann weiterzugeben.

 
Bezugsquellen für samenfestes Saatgut
Hier erhalten sie samenfestes Saatgut und Jungpflanzen online und teilweise auch vor Ort.

 

Arche Noah – Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung
Obere Straße 40, A-3553 Schiltern,
Tel +43. (0)2734. 86 26,
shop.arche-noah.at

VERN e.V. Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg
Burgstr. 20, 16278 Greiffenberg/Uckermark,
Tel 033334. 702 32,
www.vern.de

Bingenheimer Saatgut AG
Kronstr. 24, 61209 Echzell,
Tel 06035. 18 99-0,
www.bingenheimersaatgut.de

ReinSaat KG
A-3572 St. Leonhard am Hornerwald 69,
Tel +43. (0)2987. 23 47,
www.reinsaat.at

Dreschflegel GbR
In der Aue 31, 37213 Witzenhausen,
Tel 05542. 50 27 44,
www.dreschflegel-shop.de

VEN Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e. V.
Walburger Str. 2, 37213 Witzenhausen,
www.nutzpflanzenvielfalt.de

Sativa Biosaatgut
Klosterplatz 1, CH-8462 Rheinau,
Tel +41. (0)52. 304 91 60;
Keltenweg 4, 79798 Jestetten-Altenburg,
sativa-biosaatgut.de

Samenbau Nordost Kooperative GbR
Lindenallee 6, 15306 Vierlinden
OT Alt-Rosenthal,
Tel 033477. 545 80,
samenbau-nordost.de

ProSpecieRara
Unter Brüglingen 6, CH-4052 Basel,
Tel +41. (0)61. 545 99 11,
www.prospecierara.ch

Weitere Anbieter samenfester Sorten in der
privat gepflegten Liste auf
www.anstattdessen.de/saatgut

Kartäuserstr. 49, 79102 Freiburg im Breisgau,
Tel 0761. 593 900 07,
www.prospecierara.de

 

 

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