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umwelt aktuell Archiv

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Umweltmanagement: Schnittmuster für grüne Mäntelchen

Das EU-Umweltmanagementsystem EMAS bleibt auch in der Neuauflage ein Papiertiger
Franz Fiala, ANEC


Auch nach ihrer Revision wird die europäische Umweltmanagementverordnung ein Instrument zum Greenwashing beiben. Ein Unternehmen kann alle Vorschriften befolgen, ohne eine gute Umweltleistung zu erbringen. Das System enthält einfach zu wenig konkrete Anforderungen.

Die erwartete Enttäuschung ist nicht ausgeblieben. Mit einjähriger Verzögerung hat die Europäische Kommission im Juli den Entwurf für die zweite Revision der EMAS-Verordnung vorgelegt (siehe Kasten). Substanzielle Umweltanforderungen für das Unternehmensmanagement wird es auch künftig nicht geben. Der Papiertiger EMAS bleibt ein Instrument zum Greenwashing und zur Arbeitsbeschaffung für Berater und Zertifizierer, statt hervorragende Umweltleistung von Organisationen auszuzeichnen. Mit anspruchsvoller Umweltpolitik hat das ganz und gar nichts zu tun.

Bereits in der Diskussionsphase zur Revision von EMAS haben sich die europäischen Dachverbände der Umwelt- und Verbraucherorganisationen in einem Brief an Umweltkommissar Stavros Dimas gewandt und den Wert beziehungsweise die Brauchbarkeit des EMAS-Systems infrage gestellt.

Umwelt- und Verbraucherverbände fordern echte Reform

Die europäischen Umwelt- und Verbraucherverbände hatten eine substanzielle Reform verlangt, um EMAS in ein Umweltzeichen für Betriebe zu transformieren und so in ein wirkliches System der Spitzenleistung zu verwandeln. Ihr gemeinsames, umfassendes Positionspapier nannten sie daher „Making EMAS a system of excellence – Going beyond EMS“.(1) Die zentralen Kritikpunkte an Umweltmanagementsystemen (EMS) einschließlich EMAS und ISO 14001 sind:

* Der Managementsystemansatz verschiebt umweltpolitische Entscheidungen tendenziell von demokratischen Einrichtungen, die öffentliche Interessen berücksichtigen, zu Unternehmen.

* Das Interesse der Businesswelt beschränkt sich auf Umweltinvestitionen, die sich rechnen – viele Umweltmaßnahmen sind aber nicht profitabel.

* Umweltmanagementsysteme verlangen keine Mindestumweltleistung – nicht einmal Gesetzeskonformität kann man als gesichert annehmen.

* Die Zertifizierung erlaubt keine Unterscheidung zwischen guten und schlechten Betrieben nach ihrer Umweltleistung.

* Erleichterungen für Betriebe wie Steuerermäßigungen oder reduzierte behördliche Überwachung sind fragwürdig, da eben EMAS-Konformität keineswegs bessere Umweltleistung bedeutet.

* Es gibt keine überzeugenden Belege, dass die Einführung von Umweltmanagementsystemen die Umweltleistung wesentlich angehoben hat.

* Die Berichtspflichten sind unzureichend, weil klar definierte Indikatoren der Umweltleistung fehlen.

Ein Zertifikat für nachhaltige Umweltignoranz

Die Diskussion um die Begrenzung der Kohlendioxidemissionen von Automobilen und das Scheitern der freiwilligen Verpflichtung der Industrie, den durchschnittlichen Flottenverbrauch auf 140 Gramm CO2 pro Kilometer zu reduzieren, hat die Grenzen freiwilliger Selbstverpflichtungen von Unternehmen klar gezeigt. Weniger bekannt ist, dass viele führende Produzenten der Spritfresser nach EMAS oder ISO 14001 zertifiziert sind. Und alle bekennen sich dazu, „Fahrzeuge mit Umwelt- und Sicherheitstechnik auf höchstem Niveau“ herzustellen.

Selbst für Porsche ist Umweltschutz eines der wichtigsten Ziele. Wer hätte etwa anderes vermutet bei CO2-Werten jenseits von 280 Gramm pro Kilometer? Schall und Rauch – aber zertifiziert von unabhängigen Umweltgutachtern. Mercedes-Benz legt noch eins drauf und brüstet sich – vom TÜV Süd bestätigt – mit der umweltorientierten Produktentwicklung der S-Klasse „nach den Regeln der international anerkannten ISO-Norm 14062“. Wen stört es schon, dass dieses Dokument zum Thema Produktdesign nur ein technischer Bericht ohne eine einzige Anforderung ist? Laut einem Spiegel-Bericht vom Januar verhängten die US-Behörden eine Millionenstrafe gegen Daimler wegen übermäßigen Spritverbrauchs – trotz Erfüllung der EMAS-Kriterien.

Die Alternativen: beste verfügbare Techniken...

Wäre der politische Wille vorhanden, könnte EMAS mit einem vertretbaren Aufwand innerhalb einiger Jahre in ein anspruchsvolles Umweltzeichen für Betriebe verwandelt werden. Die vom österreichischen Verbraucherrat in Auftrag gegebene Studie „Going beyond EMS“(2) hat gezeigt, wie man Mindestanforderungen für die Umweltperformance festlegen könnte. Dabei wurden zwei Stufen unterschieden: eine niedrigere für die globale Ebene und eine höhere für entwickelte Länder wie die der EU, wobei letztere sektorspezifisch angelegt war. Am Beispiel der Textilindustrie wurde die Ableitung solcher Anforderungen exemplarisch beschrieben – basierend auf Dokumentationen bester verfügbarer Techniken (BREFs), Umweltzeichen- und anderen Kriterien.

Grundsätzlich wäre es nicht schwierig, sich für industrielle Anlagen auf die beste verfügbare Technik zu beziehen. Wo Toleranzbereiche angegeben werden, könnte man verlangen, dass sich ein EMAS-Betrieb im unteren Drittel bewegt. Für die nichtindustriellen und die nicht erfassten Betriebe müsste der Stand der Technik eigens festgelegt werden.

... und spezifische Schlüsselindikatoren

Auf gleiche Weise sollten aussagekräftige, vergleichbare Schlüsselindikatoren – vor allem (sub)branchen-, prozess- und produktspezifische – festgelegt werden. Allgemeine Indikatoren wie der gesamte Energie- oder Materialverbrauch des Unternehmens sind normalerweise kaum aussagekräftig.

Selbst wenn solche Daten bezogen auf den physischen oder wertmäßigen Output eines Unternehmens normiert werden – also zum Beispiel der Energieverbrauch bezogen auf Produktmenge, Umsatz oder Wertschöpfung –, sagen sie wenig aus. Für eine wirklich seriöse Bewertung darf man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Verschiedene Unternehmen produzieren sehr unterschiedliche Dinge mit unterschiedlicher Fertigungstiefe. Soll man etwa Nike als Sportartikelvermarkter ohne eigene Produktion mit produzierenden Textilunternehmen vergleichen?

Durch den Bezug auf Wert und Wertschöpfung wird die tatsächliche Umweltbilanz verzerrt. Es ist klar, dass man mit BMWs mehr Wertschöpfung erzielen kann als mit Fiats. Die Umweltbelastungen bei der Produktion der Autos werden sich vermutlich nicht sehr stark unterscheiden – aber BMW wird besser dastehen als Fiat.

Bleibt man ausschließlich auf der betrieblichen Ebene, bleibt auch die Umweltbelastung der Produkte unberücksichtigt, die oft wesentlich stärker ist als die Belastung bei der Produktion. BMW hat einen deutlich höheren Flottenverbrauch als Fiat und würde daher bei einer Gesamtbetrachtung weitaus schlechter abschneiden. Der wesentliche Indikator für die Autoindustrie ist also der durchschnittliche Flottenverbrauch der Autos.

In einer Studie des Verbraucherrates über „Comparable environmental indicators for companies“(3) sind die zahlreichen Probleme bei der Festlegung von vergleichbaren Indikatoren erörtert worden. Darin wird auch ein Verfahren zur Ableitung von Indikatoren vorgeschlagen.

Der Entwurf der EU-Kommission

Obwohl man vorher noch groß getönt hatte, dass EMAS III ein „standard of excellence“ werden soll, findet sich im Verordnungsentwurf der EU-Kommission nur eine einzige substanzielle Änderung: Allgemeine Schlüsselindikatoren für Energieeffizienz, Materialeffizienz, Wasser, Abfall, biologische Vielfalt und Emissionen sollen eingeführt werden und sektorspezifische Best-practice-Referenzdokumente samt Indikatoren werden angekündigt. Wie erwähnt, ist der Nutzen der Schlüsselindikatoren zweifelhaft. Und für die Referenzdokumente fehlen klare Zielsetzungen und ein Prioritätenprogramm. Es bleibt abzuwarten, ob die dafür notwendigen Ressourcen überhaupt vorhanden sind und was in der Praxis herauskommen wird.

Außerdem enthält der Kommissionsentwurf noch eine Verpflichtung für Behörden, einem EMAS-Betrieb Gesetzeskonformität zu bestätigen. Nicht schlecht, aber auch nicht der große Sprung nach vorn. Alles andere dient lediglich der Promotion und Marktausweitung, auch über die EU hinaus, einschließlich einiger zusätzlicher Vergünstigungen für die Betriebe. Die Kommission träumt von 35.000 Registrierungen in zehn Jahren.

Es lohnt nicht auf Details einzugehen. Die im Vorfeld der Entwurfsphase durchgeführte EMAS-Evaluationsstudie EVER hat unter anderem gezeigt, dass selbst viele EMAS-Betriebe bezweifeln, dass EMAS für Spitzenniveau im Umweltschutz steht – umso mehr taten dies Betriebe ohne diese „Auszeichnung“. Die Studie skizziert mehrere Zukunftsszenarien für EMAS. Deren erstes war der „der schnelle beziehungsweise langsame Tod“. Wenn sich EMAS nur marginal von ISO 14001 abhebt – also nicht für nachgewiesene beste Umweltbestleistung steht –, werden allen Fördermaßnahmen zum Trotz die Stunden des Systems gezählt sein.

Anmerkungen

(1) Position der Europäischen Verbrauchervertretung in der Normung (ANEC), der Europäischen Verbraucherorganisation (BEUC), des Europäischen Umweltdachverbandes für Normung (ECOS) und des Europäischen Umweltbüros (EEB), Download (PDF, 11 S., 90 kB): www.anec.org/attachments/anec-env-2006-g-047.pdf

(2) Force Technology, 2006, Download (PDF, 127 S., 630 kB): www.verbraucherrat.at/download/ems.pdf

(3) Force Technology, 2008, Download (PDF, 115 S., 900 kB): www.verbraucherrat.at/download/envindicators.pdf

Franz Fiala leitet den Verbraucherrat am Österreichischen Normungsinstitut in Wien und die Umweltarbeitsgruppe der Europäischen Verbrauchervertretung in der Normung (ANEC).

Kontakt: Franz Fiala
E-Mail: franz.fiala@on-norm.at

www.verbraucherrat.at


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EMAS und ISO 14001

Das Eco-Management and Audit Scheme (EMAS) ist das europäische Gemeinschaftssystem für das freiwillige Umweltmanagement und die Umweltbetriebsprüfung. 1993 wurde das Instrument in Brüssel für Unternehmen entwickelt, die ihre Umweltleistung verbessern wollen. Rechtsgrundlage ist die Verordnung (EG) 761/2001. Der Aufbau und die Abläufe von EMAS entsprechen seit 2001 der internationalen Umweltmanagementnorm ISO 14001.

Die Norm ISO 14001 – 1996 veröffentlicht von der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) – legt weltweit anerkannte Anforderungen für das Umweltmanagement fest. Sie ist Teil der Normenfamilie 14000, die zahlreiche weitere Normen zu diversen Bereichen des Umweltmanagements, unter anderem zu Ökobilanzen, zu Umweltkennzahlen oder zur Umweltleistungsbewertung enthält.



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