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Energiepolitik: Zertifikate sind geduldig

RECS-Zertifikate können Atom- und Kohlestrom grün färben, aber auch echten Ökostrom zählen
Anke Siegert, Grüne Liga


Das europaweite Zertifikatesystem RECS ist vom trockenen Technikbegriff zum kontroversen Medienthema geworden. Die Energiekonzerne deklarieren damit Strom aus ihren Kohle- und Atomkraftwerken zu Ökostrom um – so der Vorwurf. VerbraucherInnen sind verunsichert: Bringt der Wechsel zu einem Ökostromanbieter doch nichts für die Energiewende? Umweltverbände raten zu einem genauen Blick auf die Eigentumsverhältnisse.

Von Ökoschwindel und legaler Ökostromwäsche war die Rede. Die Stadtwerke Kassel, die ihre Energieversorgung komplett auf „Ökostrom“ umgestellt hatten, waren soeben noch hoch gelobt worden. Aber dann stellte sich heraus, dass sie lediglich sogenannte RECS-Zertifikate eingekauft hatten. Nun wurden sie in der gesamten deutschen Presse vom Spiegel bis zur kleinen Ökozeitung des Betrugs bezichtigt. Dabei ist das Problem mit den Zertifikaten schon vor Jahren erkannt und diskutiert worden. Damals erregte die Sache allerdings kein Aufsehen, denn Klimawandel und Ökostrom waren noch nicht so sehr Gegenstand des öffentlichen Interesses.

Was RECS-Zertifikate garantieren und was nicht

Das Renewable Energy Certificates System, kurz RECS, ist ein europäisches Handelssystem für Ökostromzertifikate. In Deutschland wurde die Trägerorganisation unter anderem von den Energiekonzernen Eon, RWE und Vattenfall gegründet. Als Ziel wird angegeben, einen europaweiten Ökostromhandel zu ermöglichen und dadurch erneuerbare Energien zu fördern. Zurzeit darf in 15 Ländern mit RECS gehandelt werden.
RECS funktioniert so: Ökostromerzeuger erhalten Zertifikate pro Kilowattstunde produzierten Stroms. Diese Zertifikate können sie frei handeln – der „ökologische Mehrwert“ des Stroms steckt im RECS-Zertifikat und ist unabhängig vom konventionellen Stromhandel. RECS zertifiziert also lediglich, dass eine bestimmte Menge Ökostrom tatsächlich produziert und ins Netz eingespeist wurde. Wer ein Zertifikat kauft, hat damit das Recht, die entsprechende Menge eigenen Stroms als Ökostrom zu verkaufen. Durch die Zertifizierung soll sichergestellt werden, dass keine Doppelvermarktung von Ökostrom stattfindet.
Das Problem beginnt damit, dass der Begriff Ökostrom nicht geschützt ist. Während es den Energieriesen genügt, ihren sogenanntem Graustrom – meist Atom- und Kohlestrom – durch eingekaufte Zertifikate zu „grünem“ Strom aufzuwerten, fordern die Umweltverbände einen tatsächlichen Umweltnutzen, nicht nur einen auf dem Papier. Sie verlangen von den Ökostromproduzenten eine direkte Förderung erneuerbarer Energien durch den Auf- und Ausbau von Anlagen zum Beispiel für Wind- und Solarstrom, um dem Ausstieg aus der Kohle- und Atomindustrie näher zu kommen.

Nordeuropas Wasserkraft macht Zertifikate billig

Ein weiterer Mangel der RECS-Zertifikate ist ihr Preis. Sie werden für etwa 0,05 Cent pro Kilowattstunde und damit viel zu billig angeboten. Erst das macht es für die Kohle- und Atomkraftwerksbetreiber wirtschaftlich lukrativ, die Zertifikate zur Umdeklarierung von Graustrom zu Ökostrom zu „missbrauchen“. Nur wenn die RECS-Zertifikate so teuer wären, dass sich für die großen Konzerne auf längere Sicht eher das tatsächliche Errichten und Betreiben von Ökostromanlagen lohnen würde, wäre dem Ausbau der erneuerbaren Energien gedient. Ein Anstieg der Nachfrage über das derzeit verfügbare Angebot an Ökostrom hinaus würde zu dem gleichen Ergebnis führen, liegt aber zurzeit noch in zu weiter Ferne. Der Grund: Die meisten Zertifikate werden in Skandinavien gekauft. Ein Blick auf die Stromproduktion in Europa zeigt, dass es ein sehr großes Angebot an Wasserkraftstrom gibt und es beim derzeitigen Anstieg der Ökostromnachfrage noch Jahrzehnte dauern wird, bis die Nachfrage groß genug sein wird.

Atomausstieg selber machen

Im September 2006 entstand das bundesweite Bündnis Atomausstieg selber machen (ASM). Greenpeace, WWF, BUND, NABU, Grüne Liga und andere Umweltorganisationen schlossen sich zusammen, um ein gemeinsames Ziel voranzutreiben. Anlass für das breite Bündnis war die Aufkündigung des Atomkonsenses durch die Atomkraftwerksbetreiber RWE, Eon, Vattenfall und EnBW im Spätsommer 2006. Um den Atomausstieg zu beschleunigen, ruft ASM die BürgerInnen seitdem auf, zu einem Ökostromanbieter zu wechseln, damit Vattenfall, Eon & Co. die Gewinne gekürzt werden. Bei der Auswahl der empfohlenen Anbieter (siehe Kasten) hat ASM darauf geachtet, dass keine wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Atom- und Kohlelobby bestehen. Der Stromwechsel bringt so gleich einen zweifachen Umweltnutzen. Zum einen wird das Risiko eines Atomunfalls verringert und der radioaktive Abfall reduziert, zum anderen wird das Klima geschützt, indem die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger sinken.
Michael Meyer, Kampagnen-Koordinator von Atomausstieg selber machen, sieht eines der stärksten Argumente für den Stromwechsel im politischen Ansatz von ASM: „Ökostromanbieter sind ein wichtiger politischer Faktor. Sie sprechen mit, wenn es um Energierecht, um Ökostromförderung und um andere energiepolitische Fragen geht.“ Diese Position zu stärken sei uneingeschränkt sinnvoll, so Meyer. „Wir müssen die Geldströme umleiten und die Machtstrukturen in der Energiewirtschaft verschieben – weg von der Atomwirtschaft.“
Wichtiges Kriterium für VerbraucherInnen ist auch, welche neuen Kraftwerke der Ökostromanbieter mit ihrem Geld baut oder saniert. Denn nur mit neuen Wind-, Biomasse- und Wasserkraftwerken lassen sich bestehende fossile Kapazitäten verdrängen. Dabei muss der Neubau über das Maß an ohnehin stattfindender staatlicher Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hinausgehen.

Die Eigentumsverhältnisse entscheiden

Dabei schließen die Ökostromanbieter Lichtblick und Elektrizitätswerke Schönau (EWS) die Verwendung von RECS-Zertifikaten nicht aus. Jedoch nicht, um Graustrom grün zu färben, sondern lediglich als technisches Nachweissystem, also als Register. EWS-Gründer Michael Sladek betont, dass RECS-Strom auf keinen Fall mit Ökostrom gleichgesetzt werden dürfe. Ökostrom muss nach dem Verständnis von EWS deutlich mehr Nachweise erbringen als nur den, dass irgendwo Regenerativenergie in der gleichen Menge ins Stromnetz eingespeist wurde. Atomausstieg selber machen legt keinen generellen Einspruch gegen die RECS-Zertifikate ein, da die ASM-Kriterien von allen vier empfohlenen Ökostromanbietern erfüllt werden. Sowohl Greenpeace energy und Naturstrom, die keine RECS-Zertifikate verwenden, als auch Lichtblick und EWS werden von ASM als sichere Ökostromanbieter empfohlen. Abgesehen von einer möglichen Verwirrung der VerbraucherInnen ist dagegen auch nichts einzuwenden. Ein Wermutstropen bleibt aber: Vattenfall, Eon und RWE sitzen im RECS-Trägerverein. Allein deshalb wäre es optimal, wenn sich die „echten Ökostromanbieter“ von allen fragwürdigen Systemen fernhielten. Leider haben fast alle Praktiken ihr Für und Wider und zurzeit gibt es keine europaweite Alternative.

Mit RECS gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz

Interessant ist, dass RECS ursprünglich von der Stromwirtschaft ins Leben gerufen wurde, um das EEG zu verhindern. Das rot-grüne Gesetz aus dem Jahr 2000 garantiert den Anlagenbetreibern über einen bestimmten Zeitraum einen festen Vergütungssatz für den von ihnen erzeugten Ökostrom. Das EEG gilt als erfolgreichstes Instrument der deutschen Umweltpolitik und wurde bis heute von fast 50 Staaten in seinen Grundzügen übernommen. Bis 2020 soll der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromversorgung auf mindestens 20 Prozent ansteigen. 2007 waren schon 14 Prozent erreicht. Auch wenn als Ziel von RECS ebenfalls die Förderung regenerativer Energien angegeben wird, so ist dies allein mit Zertifikaten nicht zu erreichen. RECS-Zertifikate können das EEG nicht ersetzen. Genau deshalb trommeln die Stromriesen gegen das EEG und für ein Zertifikatesystem. Unabhängig davon wird aber eine gute und transparente europäische Stromkennzeichnung, bei der jede Kilowattstunde Strom einen Nachweis bekommt, dringend gebraucht.

Das Ziel ist die Energiewende

Was bleibt von der RECS-Debatte? Im schlimmsten Fall wird der Atom- und Kohlelobby ein Vorteil verschafft, da manche VerbraucherInnen durch die Medienschlacht so verunsichert sind, dass sie den Stromwechsel lieber bleiben lassen. Im besten Fall machen sich Ökostromanbieter, Umweltverbände und kritische StromkundInnen noch einmal klar, was eigentlich das gemeinsame Ziel ist. Nämlich nicht, den einen oder anderen Ökostromanbieter mit Schlagworten anzuschwärzen, sondern die Energiewende voranzutreiben und 20, 50, ja 100 Prozent Ökostrom zu erreichen. Ein RECS-Zertifikat an sich ist also weder „gut“ noch „böse“. Was überwiegt, hängt von seiner jeweiligen Verwendung ab. Wer Ökostrom beziehen möchte, der einen tatsächlichen Umweltnutzen leistet, sollte die Kriterien beachten, die das ASM-Bündnis aufgestellt hat. Möchte man zwischen tatsächlichem und angeblichem Ökostrom unterscheiden, führt der Blick auf die Zertifikate nicht ans Ziel. Auch wenn einem die großen Energiekonzerne weismachen möchten, dass allein die Verwendung von RECS-Zertifikaten schon das Prädikat „Öko“ verdient.

 

Ökostromanbieter-Check
Die vier vom Aktionsbündnis "Atomausstieg selber machen" benannten Ökostromanbieter Elektrizitätswerke Schönau (EWS), Greenpeace energy, Lichtblick und Naturstrom erfüllen die folgenden Kriterien:
1. Es besteht keine eigentumsrechtliche Verflechtung mit einem Stromanbieter, der Atom- oder Kohlekraftwerke betreibt oder mit Strom aus diesen Quellen handelt.
2. Ausschließlich "grüner Strom" wird geliefert: Der Strom des Anbieters, wie er in der Stromkennzeichnung anzugeben ist, muss mindestens zur Hälfte aus erneuerbaren Energien stammen. Der Rest kann aus gasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen kommen.
3. Alle StromkundInnen in Deutschland müssen zu diesem Anbieter wechseln können.
www.atomausstieg-selber-machen.de

 

Anke Siegert ist Biologin. Beim ostdeutschen Umweltnetzwerk Grüne Liga ist sie verantwortlich für bundesweite Öffentlichkeitsarbeit unter anderem zu Energiethemen.

Kontakt: Anke Siegert
oeffentlichkeitsarbeit@grueneliga.de,
www.grueneliga.de



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