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Exclusively online: Series "12 Questions to ..."

GAIA 4/2018: 12 Fragen an Anna-Katharina Wöbse

Anna-Katharina Wöbse, Umwelthistorikerin

Studium der Geschichte, Anglistik und Germanistik in Bremen, Stockton-on-Tees, UK, und Bielefeld. 2011 Promotion, Universität Bielefeld. Büro für umwelthistorische Recherche, Tätigkeit als Kuratorin und Publizistin. 2011bis 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Genf, Lehrbeauftragte der Universitäten Bielefeld und Kassel, seit 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Biologiediaktik, Justus-Liebig-Universität Gießen. Aktuelles Forschungsprojekt zur Umweltgeschichte europäischer Feuchtgebiete. Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Beiräte. Seit 2017 Mitglied im Präsidium von EuroNatur. 2018 Fellow am Rachel Carson Center for Environment and Society.

1. Welche sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Umweltprobleme?

Der Verbrauch fossiler Rohstoffe, die sich verheizt oder pulverisiert wie ein Schatten über den Planeten und seine Bewohner(innen) legen: als CO2 in der Atmosphäre, als Plastikstrudel in Ozeanen oder als erdölbasierte Pestizide, deren Rückstände sich in Böden, Grundwasser und Organismen wiederfinden.

2. Was gibt Ihnen Hoffnung auf eine Verbesserung der Umweltsituation?

Ein "wildgewordener" und hoffnungsfroher Ort ist das Grüne Band: eine 12000 Kilometer umfassende Naturschutzinitiative, die sich entlang des früheren "Eisernen Vorhangs" von Finnland bis ans Schwarze Meer zieht – in Zeiten, in denen der Ruf nach Abschottung wieder erschreckend laut tönt, ein sehr lebendiges und konkretes Projekt für Vielfalt, Durchlässigkeit und Verständigung in Europa. Doch die Umweltgeschichte hält beides bereit: die Szenarien der unabwendbaren menschengemachten Apokalypse wie die Chance zu grundlegenden Veränderungen.

3. Welche umweltpolitische Reform bewundern Sie am meisten?

Auf internationaler Ebene schätze ich die Biodiversitätskonvention, die trotz aller Vollzugsdefizite einen weitreichenden und integrativen Charakter hat, auf europäischer Ebene das Natura-2000-Netzwerk für Schutzgebiete und auf kommunaler Ebene jede Initiative, die Straßenraum für Fuß- und Radverkehr freimacht.

4. Welchen Trend in der Umweltpolitik halten Sie für eine Fehlentwicklung?

Es gibt immer noch diesen altmodischen Affekt, einfach nicht über Limits und Endlichkeit sprechen zu wollen. Wir sollten nicht versuchen, den unverminderten Energiehunger mit vermeintlich grünem Strom zu stopfen. Da sind wir schnell beim Neubau vonWasserkraftwerken, die massiv in das Ökosystem von Fließgewässern eingreifen, und Biomasse, die globale Veränderungen der Landnutzungen und großflächige Monokulturen mit sich bringt. Weniger ist deutlich schicker – und zukunftsfroh.

5. Wozu Umweltforschung?

Wir brauchen die Umweltforschung, um die Entwicklungen unserer Gesellschaften und Wirtschaftsweisen auf den Kopf zu stellen, Steuerungs- und Handlungsmöglichkeiten auszuloten und im Anschluss Visionen und Praktiken zu entwickeln, die in Klimaabkommen, Solarkochern, Atomausstieg und Gemeinschaftsgärten münden können.

6. Welche Erfahrungen haben Sie beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis gesammelt?

Natur- und Umweltschutz sind bisweilen bemerkenswert selbstvergessen. Nicht ohne Grund: Die Probleme, mit denen sie sich beschäftigen, sind in aller Regel akut, drängend, konkret. Allerdings habe ich wiederholt beobachtet, dass sich die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des ökologischen Engagements produktiv auf den internen und externen Arbeitsprozess der Beteiligten auswirkt. Zum einen wird dadurch eine gewisse Selbstgerechtigkeit und Defensivhaltung infrage gestellt, zum anderen ist die Geschichte der Bewegungen und des Einmischens voller erstaunlicher Erfolge und manifester Veränderungen – es ist keineswegs eine fortgesetzte Chronik des Scheiterns. Die Offenheit für Widersprüche in der eigenen Arbeit ist zentral für gesellschaftliche Glaubwürdigkeit und Veränderung.

7. Welchen Bereich der Umweltwissenschaften, außerhalb Ihres eigenen Arbeitsgebiets, finden Sie besonders spannend?

Es gibt drei Bereiche, die mich im Zuge der Diskussion um die "große Transformation" anspornen und die ich erhellend finde: erstens die Überlegungen zu Gemeinwohlökonomie und zur Postwachstumsgesellschaft. Zweitens die integrative und partizipative Stadtplanung, die Städte als solidarische Gemeinschaftsorte von Mensch und Natur neu denkt. Drittens kommen für die Geisteswissenschaften sehr innovative Impulse aus dem Konzept der Multispecies Studies, die sich für die komplexen Beziehungen zwischen Arten interessieren und das menschenzentrierte Weltbildkonstruktiv ins Wanken bringen.

8. Wer oder was hat Sie in Ihrem Engagement für die Umwelt besonders geprägt?

Ein Bachlauf in der Steiermark mit seinen Gelbbauchunken und Sumpfdotterblumen: für die ersten Lebensjahre ein sich dauernd verändernder, zugleich verlässlicher Erfahrungsraum für ökologische Zusammenhänge. Und wie es so ist mit unbeobachteten Kindheitswelten: Man wünscht sich, dass sie bleiben, weil sie Freiheit, Erfahrungen und Autonomie ermöglichten. Das Potenzial der Umweltgeschichte habe ich begriffen, als ich in einer heruntergewirtschafteten Post-Industrielandschaft in Nordengland landete und lernen musste, die schwierigen Beziehungen zwischen Gesellschaft und Land zu dechiffrieren. Das ging nur mit Geschichte und Ökologie. Nach wie vor begegne ich eigensinnigen Held(inn)en, die für Natur und Umwelt kämpfen, ob die FÖJlerinnen im Wattenmeer, die Urwaldaktivisten in Rumänien oder die Frauen des bosnischen Dorfes Krušcica, die einen Staudamm verhindern wollen, der ihren Fluss zerstören würde.

9. Welches Wissen würden Sie jungen Menschen über die Umwelt mitgeben wollen?

Ich mache ihnen deutlich, wie eng wir mit dieser natürlichen Welt zusammenhängen: Nicht nur, dass wir selbst Säugetiere sind, wir sind als Container von Bakterien selbst eine Lebensgemeinschaft. Und von alltäglichen Wundern wie der Photosynthese und der Artenvielfalt sollte auch jeder Mensch dringend etwas verstehen. Ich wünsche jedem Kind einen Tümpel oder eine unaufgeräumte Gartenecke – ganz frei von pädagogischer Anleitung.

10. Mit welchen Widersprüchen im Alltag sind Sie als Wissenschaftlerin, die sich mit Nachhaltigkeitsproblemen beschäftigt, konfrontiert?

Allein durch die Tatsache, dass wir Teil dieser modernen Gesellschaft sind, verheddern wir uns ständig in den selbst geschaffenen Fallen von Konsum und Produktion. Diese Atemlosigkeit und der Zwang zur Omnipräsenz und Exzellenz ist ein treibender Fluch. Muss ich dauernd gesehen, gehört, gelesen werden? Irgendwann wiederholen wir uns nur noch. Denken und stillsitzen kann sehr nachhaltig sein. Und sehr gut für die Klimabilanz.

11. Was lesen Sie gerade?

Ich lese Yuval Noah Hararis "Homo Deus", um mich mit Fragen menschlicher Selbstbestimmung in Zeiten künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Und von Natascha Wodin "Sie kam aus Mariupol", ein Buch über die Biografie ihrer Mutter und über ein zerrissenes europäisches Leben, das durch den Fleischwolf der Regime gedreht wurde.

12. Welche hier nicht gestellte Frage ist für Sie die wichtigste?

Die nach dem persönlichen Engagement von Wissenschaftler(inne)n.

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