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Exclusively online: Series "12 Questions to ..."

GAIA 4/2017: 12 Fragen an Hartmut Rosa

Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Direktor des Max-Weber-Kollegs, Erfurt.

Geboren 1965 in Lörrach. Studium der Politikwissenschaft, 1997 Promotion. 1997 bis 2004 erst wissenschaftlicher Mitarbeiter, später wissenschaftlicher Assistent, Universität Jena. Seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie, Universität Jena. Seit 2002 Affiliated Professor, The New School for Social Research, New York.

1. Welche sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Umweltprobleme?

Seit mir diesen Sommer bewusst wurde, wie viel weniger Insekten ich um Scheinwerfer oder an Windschutzscheiben sehe als noch vor 20 Jahren, ist mir das Artensterben als Problem viel konkreter geworden. Durch das handfeste Verschwinden der Gletscher in den von mir geliebten Alpen steht mir der Klimawandel drohend vor Augen. Am schlimmsten finde ich derzeit aber die Gefährdungen der sozialen Umwelt im Zuge des digitalen Umbaus unserer Gesellschaft.

2. Was gibt Ihnen Hoffnung auf eine Verbesserung der Umweltsituation?

Der Blick in die Sterne: Der macht mir immer wieder deutlich, wie viel stärker und größer die Natur ist als wir Menschen. Wir können vieles verändern und umbringen, aber sicher nicht "die Natur".

3. Welche umweltpolitische Reform bewundern Sie am meisten?

Als Teenager war ich in den 1980er Jahren vom bevorstehenden ökologischen Untergang meiner Lebenswelt überzeugt. Dass die Wälder um uns herum 2017 nicht tot und die Flüsse nicht gekippt sind und dass man in den Badeseen und sogar im Rhein immer noch schwimmen kann, macht mir Hoffnung; die entsprechenden Reformen bewundere ich ebenso wie den rasanten Anstieg erneuerbarer Energien.

4. Welchen Trend in der Umweltpolitik halten Sie für eine Fehlentwicklung?

Das Elektroauto. Ich finde, wir sollten vom Auto insgesamt wegkommen.

5. Wozu Umweltforschung?

Ich glaube, ihr Hauptzweck sollte nicht diese oder jene technische Lösung sein, sondern ein anderes, besseres Verständnis unseres Zusammenhangs in und mit dem, was wir als Natur erleben. Umweltforschung kann uns helfen, Natur nicht länger als "tote" Ressource zu betrachten, sondern als lebendigen Resonanzraum zu erfahren.

6. Welche Erfahrungen haben Sie beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis gesammelt?

Meine Haupterfahrung ist, dass es ziemlich leicht ist, wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zum Zusammenhang von Wachstum und Beschleunigung in einer Zwangsspirale – auch in praktischen Kontexten zu vermitteln. Gleichzeitig haben sich aber viele unserer Praktiken gegen solche Einsichten fast vollständig immunisiert: Es ist nicht nur so, dass jede(r) weiß, dass Fliegen schlecht ist, und es trotzdem fast alle immer öfter und weiter tun, es ist sogar so, dass wir neuerdings zwei Milliarden Kaffeekapseln allein in Deutschland verbrauchen, deren Ökobilanz einfach idiotisch ist. Ohne jeden praktischen Zwang tun wir das, es ist eine Praxis, die gegen alle Erkenntnisse immunisiert erscheint.

7. Welchen Bereich der Umweltwissenschaften, außerhalb Ihres eigenen Arbeitsgebiets, finden Sie besonders spannend?

Oh, das ist ganz eindeutig die Klimaforschung und die damit verknupfte Meteorologie.

8. Wer oder was hat Sie in Ihrem Engagement für die Umwelt besonders geprägt?

Abgesehen davon, dass ich schon als Vegetarier aufgewachsen bin und nicht nur die Massentierhaltung, sondern vor allem auch und bis heute Tierversuche ganz und gar abscheulich finde,war ich nie Öko-Aktivist. Aber als Schwarzwälder lag und liegt mir natürlich der Wald besonders am Herzen. Und ich hatte schon immer eine ungeheure Affinität zu Schnee: Dass er nicht mehr fallen will und dass die Gletscher schmelzen, empfinde ich als einen entsetzlichen, unersetzlichen Verlust, der mich die Dringlichkeit des Klimaschutzes geradezu physisch erfahren lässt.

9. Welches Wissen würden Sie jungen Menschen über die Umwelt mitgeben wollen?

Ich möchte alles daransetzen – und ich setze einiges daran –, sie nur ein einziges Mal erfahren zu lassen, wie der Schnee, das Meer, die Sterne oder die Berge zu einer Resonanzsphäre für uns Menschen werden können. Das, glaube ich, ist viel wichtiger und nachhaltiger als jedes Faktenwissen oder auch Zusammenhangswissen.

10. Mit welchen Widersprüchen im Alltag sind Sie als Wissenschaftler, der sich mit Nachhaltigkeitsproblemen beschäftigt, konfrontiert?

Ich glaube, das liegt auf der Hand: All die Steigerungs-, Wachstums- und Beschleunigungszwänge, die ich theoretisch beklage und kritisiere, kann ich in meiner eigenen Arbeit als unerbittlich wirksam erleben: mehr Drittmittel, mehr Einladungen, mehr Publikationen, mehr Konferenzen. Die "Vergrößerung der Weltreichweite" durch diese Dinge ist nicht einfach ein äußerer Zwang, sie ist auch immer noch individuell attraktiv und verführerisch – es wäre einfach geheuchelt, das zu leugnen. Sie ist es, obwohl sonnenklar ist, dass das Steigerungsprogramm resonanzfeindlich ist.

11. Was lesen Sie gerade?

Ich habe gerade mit "Sterben" von Karl Ove Knausgård angefangen. Ich bin noch nicht sicher, was ich von seinem Mammutprojekt halten soll, aber es hat ohne Zweifel etwas Fesselndes. Daneben lese ich stetig in Zsuzsa Bánks neuem Roman "Schlafen werden wir später". Obwohl sie dafür viel Kritik geerntet hat, finde ich ihre Sprache unwiderstehlich. Mit Herbert Heckmanns "Benjamin und seine Väter" bin ich gerade fertig geworden: ein ziemlich originelles Buch. Außerdem lese ich leidenschaftlich Musikzeitschriften.

12. Welche hier nicht gestellte Frage ist für Sie die wichtigste?

Wie können wir es schaffen, dass die Welthaltung, die wir einnehmen, wenn wir Musik hören, uns von einem Film berühren lassen oder einen Menschen lieben, die Art unseres In-der-Welt-Seins stärker prägt als die Haltung, in der wir uns befinden, wenn wir kämpfen, konkurrieren oder versuchen, unsere Umwelt unter Kontrolle zu bringen? Gegenwärtig ist der erste Modus des In-der-Welt-Seins unser Urlaubs- oder Wochenendmodus, der zweite aber unsere Alltagshaltung. Wenn wir es schaffen könnten, das Verhältnis einfach umzukehren, hätten wir keine Umweltprobleme mehr.

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