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Exclusively online: Series "12 Questions to ..."

GAIA 1/2019: 12 Fragen an Mario F. Broggi

Mario F. Broggi, ehemaliger Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), Birmensdorf

Geboren 1945 in Sierre, Schweiz. Studium der Forstwissenschaften.1986 Promotion an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), 1999 Habilitation an der Universität Wien. 1983 bis 1992 Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission (CIPRA). 1997 bis 2004 Direktor der WSL, Birmensdorf. 2004 bis 2007 Berater des ETH-Rats in Nachhaltigkeits- und Raumfragen. 2007 bis 2014 Mitglied des Universitätsrats Universität Liechtenstein.

1. Welche sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Umweltprobleme?

Für jene, die sich mit der biologischen Vielfalt beschäftigen oder einfach nur aufmerksam die Natur beobachten, ist es der Biodiversitätsverlust.Trotz zahlreicher Konferenzen, Strategien und enormer Anstrengung der Naturschutzverbände ist das Ausmaß und die Dringlichkeit der Biodiversitätsproblematik in der Politik noch nicht angekommen. In Rechenschaftsberichten wird gern viel versprochen, was so nie eingehalten werden kann. Liechtenstein hat inzwischen ein geplantes Biodiversitätsmonitoring abgesagt, weil es zu viel Geld koste. In der Schweiz werden mit parlamentarischen Vorstößen die bisherigen Errungenschaften des Naturschutzes untergraben.

2. Was gibt Ihnen Hoffnung auf eine Verbesserung der Umweltsituation?

Hoffnung bei einem gegebenen dreifachen "ökologischen Fußabdruck"? Nein, Hoffnungen habe ich kaum, vor allem nicht für die Umsetzung von Anliegen, die länger dauern und komplex sind – etwa die Verkehrs- und Luftreinhaltepolitik oder die Landnutzung mit der Zersiedlung. Dennoch stehe ich jeden Tag auf und mache weiter, weil ein Grundoptimismus offensichtlich zum Menschen gehört.

3. Welche umweltpolitische Reform bewundern Sie am meisten?

Für mich steht keine Einzelmaßnahme im Vordergrund. Mutmachen mir Menschen, die sich mit viel Empathie für die Mitwelt einsetzen. Das gibt mir immer wieder Hoffnung und Auftrieb.

4. Welchen Trend in der Umweltpolitik halten Sie für eine Fehlentwicklung?

Ich habe die Illusionen verloren, dass es in Wachstumsphasen gelingt, landschaftliche Werte in Talräumen auf Dauer zu bewahren. Als besonders krasse Fehlentwicklung empfinde ich die Landwirtschaftspolitiken, die uns unter dem Deckmantel der Landschaftspflege als "grün" verkauft werden. Sie sind es dramatisch nicht, die Stickstoff- und Pestiziddepositionen sind allgegenwärtig und wirken noch über viele Jahrzehnte auf Luft, Wasser und Boden ein. Die Landwirtschaftslobby blockt die nötige Ökologisierung der Landwirtschaft ab. Jede(r) fünfte Bundesparlamentarier(in) in der Schweiz soll mit der Landwirtschaft verbunden sein. Da braucht es keine zusätzliche Lobby in den Wandelgängen mehr, sie sitzt direkt im Parlament.

5. Wozu Umweltforschung?

Es braucht die Kenntnisse für ein Systemverständnis, das alle Schritte von der Hypothese über die Methodik, Ergebnisse, Umsetzung, Erfolgskontrolle und Rückkoppelung umfasst – dies umfasst auch all die politischen Prozesse, die intensive Überzeugungsarbeiter fordern. Erst plausible Wirkungs- und Umsetzungsziele können ein Vertrauen schaffen, aufgrund dessen überhaupt Mittel bewilligt werden. Hier bleibt noch viel zu tun.

6. Welche Erfahrungen haben Sie beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnis in die Praxis gesammelt?

In der zweiten Hälfte meines Berufslebens galt es, wissenschaftliche Exzellenz mit Hilfe von Veröffentlichungen mit hohem "impact factor" und "citation index" zu erzeugen. In dieser Hinsicht ist einiges pervertiert. Ich erinnere mich an eine Anfrage, die Bewerbungen für eine Naturschutzprofessur zu beurteilen. Ich stellte fest, dass neun von zehn der nur männlichen Kandidaten des Rankings keine Berührungspunkte zur Naturschutzpraxis hatten, aber fast alle mit der Molekularbiologie. Sie holten sich denn auch dort die Punkte für ihre Bewerbung. "Folgerichtig" galt es lange als nutzlos, in den Heften der traditionellen naturforschenden Gesellschaften zu veröffentlichen. Man verkaufte lieber sein erworbenes Wissen in homöopathischen Dosen in mehreren Artikeln und nach dem Motto "Wenn du mich zitierst, zitiere ich dich auch." Die Umsetzung in die Praxis wurde dabei zum Stiefkind auf der Jagd nach dem Ranking. Ähnlich erging es der inter- und transdisziplinären Arbeit, die kaum honoriert wurde. Das Pendel scheint wieder etwas in die Gegenrichtung auszuschlagen. Die Wissenschaft sieht ein, dass sie die Kommunikation braucht.

7. Welchen Bereich der Umweltwissenschaften, außerhalb Ihres eigenen Arbeitsgebiets, finden Sie besonders spannend?

Das ist die Klimaforschung. Ich staune immer wieder, welche Erkenntnisse man aus dem Eis oder aus Tropfsteinen gewinnen kann.

8. Wer oder was hat Sie in Ihrem Engagement für die Umwelt besonders geprägt?

Es war meine Jugendzeit. Ich wuchs trotz Stadtnähe abseits am Waldrand auf, mit Krebsen und Großmuscheln im Bach, dem Wiedehopf als Brutvogel in den alten Eichen. Es war ganz allgemein die Faszination für die damals noch vielfältige Natur.

9. Welches Wissen würden Sie jungen Menschen über die Umwelt mitgeben wollen?

Es wäre viel erreicht, wenn wir der Jugend den Eigenwert der Natur, etwas Demut vor der Schöpfung und Empathie für die Mitwelt vermitteln könnten, damit sie sensibler für diese Anliegen wird.

10. Mit welchen Widersprüchen im Alltag sind Sie als Wissenschaftler, der sich mit Nachhaltigkeitsproblemen beschäftigt, konfrontiert?

Mich nervt, dass alles auf dieser Welt als nachhaltig und damit als Worthülse verkauft wird. Dennoch erachte ich die Veröffentlichung des Brundtland-Berichts 1987 mit der nachfolgenden Rio-Konferenz als wichtigen Meilenstein. Was mich derzeit am meisten beschäftigt ist, wie man wissenschaftliche Erkenntnisse in die breite Öffentlichkeit und Politik transportiert. Das ist uns während Jahrzehnten nicht ausreichend gelungen. Wir haben uns schon vor 30 Jahren die Finger wundgeschrieben, dass es ein Insektensterben gibt. Mit "More than Honey" von Markus Imhoof und einer deutschen langjährigen Wirkungskontrolle bei Insekten in Naturschutzgebieten ist es sehr spät gelungen, diese Erkenntnisse in die breite Bevölkerung zu tragen. Worauf kommt es also in der Kommunikation an?

11. Was lesen Sie gerade?

Für eine Buchbesprechung lese ich "Das Verstummen der Natur" von Volker Angres und Claus-Peter Hutter, parallel eine Biografie von Emmanuelle Loyer über den Ethnologen und Philosophen Claude Lévy-Strauss sowie die Festschrift "Biogeography and Biodiversity of the Aegean", weil ich seit 45 Jahren mit Kolleg(inn)en jedes Jahr eine naturkundliche Exkursion auf griechische Inseln durchführe.

12. Welche hier nicht gestellte Frage ist für Sie die wichtigste?

Bei Zugfahrten durch die Schweiz frage ich mich immer wieder: Wie kann man sich im Alltag für die ganz "normale" Landschaft geeigneter einsetzen?

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"Der gesellschaftliche Impact transformativer Forschung" 29./30. März 2019, Wuppertal
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