Migration

Klimaflucht: Wie die Klimakrise globale Wanderungsbewegungen auslöst

Durch die fortschreitende Klimakrise häufen sich Naturkatastrophen, der steigende Meeresspiegel und die Desertifikation machen zahlreiche Orte schon jetzt, aber auch künftig, unbewohnbar. Die Menschen vor Ort müssen sich entweder an radikal veränderte Lebensbedingungen anpassen oder fliehen. Hans-Joachim Preuß war im In- und Ausland für die GTZ, GIZ und Welthungerhilfe tätig. Er erklärt im folgenden Beitrag die besonderen Herausforderungen der Klima-Migration und wie man ihre Ursachen bekämpfen kann.

10.12.2022

Klimaflucht: Wie die Klimakrise globale Wanderungsbewegungen auslöst | Migration Klimawandel

Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürme und Dürren oder bewaffnete Auseinandersetzungen führen genauso plötzlich, wie sie entstehen, dazu, dass Menschen zeitweise oder dauerhaft in nicht betroffene Regionen oder andere Länder fliehen.

Die Auslöser solcher Wanderungsbewegungen sind leicht zu erklären und nachvollziehbar. Den Konsequenzen lässt sich mit professionellen Maßnahmen der humanitären Hilfe und des Wiederaufbaus wirkungsvoll begegnen.

Ganz anders verhält es sich mit schleichenden und nicht linearen Verschlechterungen der Lebensumstände, die auf Effekte des Klimawandels wie Desertifikation, Ausmaß und Regelmäßigkeit von Niederschlägen oder den Anstieg des Meeresspiegels zurückzuführen sind. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen klimatischen Parametern und dem Verlassen der Heimat lässt sich hier nur schwer herleiten. Denn einerseits stellen diese Phänomene nur einen Teil eines komplexen Ursachenbündels für die individuelle Entscheidung zum Aufbruch dar. Zum anderen reagieren die jeweils betroffenen Bevölkerungsgruppen mit vielfältigen Anpassungen auf die Verschlechterung ihres Umfelds, bevor als Ausweg Flucht oder Migration gewählt wird.

Entwicklungs- und Migrationspolitik in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern stehen daher nicht nur vor der Herausforderung, Ausmaß und Richtung klimabedingter Wanderungsbewegungen zu erfassen und zu prognostizieren, sondern auch vor der Frage, mit welchen Instrumenten und Maßnahmen Umwelt- oder Klimaflucht zu begegnen ist. Davon unbenommen ist die Forderung an die Industriestaaten, alles Erdenkliche zur Reduktion der Treibhausgase zu unternehmen.

In den letzten Jahren wurden weltweit die höchsten Temperaturen seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen gemessen. 90 Prozent der Hitze speichern die Weltmeere. Zusammen mit dem Abschmelzen von Polareis und Gletschern führte dies seit 2013 zu einem Anstieg des Meeresspiegels von 4,5 Millimetern pro Jahr, wesentlich schneller als noch vor einem Vierteljahrhundert.

Durch den Eintrag von Kohlendioxid hat sich die Versauerung der Ozeane erhöht und damit gleichzeitig ihre Aufnahmekapazität für dieses Treibhausgas reduziert. Trotz der Coronapandemie, die aufgrund des Rückgangs globaler Mobilität und industrieller Produktion die globalen Kohlendioxidemissionen reduziert hatte, wurde die atmosphärische Gesamtbelastung nicht verringert, zumal sich der Ausstoß von Methan und Lachgas weiter erhöhte.

Die geschilderten Entwicklungen dürften einen schnelleren und stärkeren Anstieg der Erderwärmung um mehr als 1,5 Grad Celsius bis 2030 zur Folge haben; diese im Jahr 2015 von 195 Staaten vereinbarte Schwelle wird bereits in den nächsten Jahren deutlich überschritten.

Tipp: Welche Konsequenzen eine globale Erderwärmung um 3 Grad hat, lesen Sie in »Eine Erde, wie wir sie nicht kennen (wollen)« von Stefan Rahmstorf.

Auf der UN Umweltkonferenz im Juni 2022 in Stockholm wurde eingestanden, dass die Maßnahmen gegen Klimawandel und Umweltzerstörung nicht schnell und energisch genug vorangetrieben werden. An die Regierungen der Welt wurde ein Appell nach dringender, nach Möglichkeit kollektiver Umsetzung bereits gefasster Beschlüsse gerichtet. Eine Einigung auf weitergehende Regelungen wurde nachfolgenden Treffen überlassen. Die Dramatik dieser Entwicklung wurde von der durch den Ukrainekrieg absorbierten Öffentlichkeit kaum beachtet.

Es lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur, die über die natürlichen Schwankungen hinausgehen, in den nächsten Jahren noch deutlicher spürbar werden. Zu diesen Effekten gehören häufigere Extremwetterereignisse, das Steigen des Meeresspiegels, ausbleibende oder unregelmäßigere Niederschläge sowie höhere Luft- und Bodentemperaturen.

Überschwemmte Gebiete in Pakistan 2022
Abb. 1: Flutkatastrophe in Pakistan 2022

 

Auch wenn die Zahl tropischer Stürme nach jüngsten Studien insgesamt nicht zugenommen hat, ist der Anteil der Stürme höchster Kategorien signifikant gestiegen, sodass materielle und personelle Schäden steigen und die seit Generationen erprobte Widerstandsfähigkeit vieler lokaler Bevölkerungsgruppen überfordert wird. Der steigende Meeresspiegel wird pazifische Inseln sowie küstennahe Städte und Regionen zwar nicht sofort überschwemmen, doch im Zusammenwirken von Wind und Wasser werden Teile menschlicher Siedlungen häufiger überflutet und zum Teil unbewohnbar gemacht. Tiefer liegende landwirtschaftliche Nutzflächen fallen aufgrund von Erosion und Versalzung für die Produktion von Nahrungsmitteln und Exportgütern weg. Ausbleibender Regen lässt Weiden versteppen und Felder verdorren; unregelmäßige und heftige Niederschläge führen zur Erosion fruchtbaren Bodens und hinterlassen ödes Land. Trinkwasser wird knapp oder ungenießbar mit fatalen Folgen für die Gesundheit. Hitzewellen erhöhen den Stress für Mensch, Tier und Pflanze; ihre Produktivität leidet darunter. Hunger und Ernährungsunsicherheit folgen auf dem Fuß. Der Druck auf die betroffenen Menschen, auf diese Entwicklungen zu reagieren, nimmt zu.

Sozial, sektoral und regional sind die geschilderten Folgen des Klimawandels ungleich verteilt. Zu den größten Verlierern gehören arme Menschen, deren Widerstandskraft gegen externe Schocks schwach ist, die im landwirtschaftlichen Bereich arbeiten und von dessen Erträgen leben und die in Weltregionen leben, deren Naturraum sensibel auf Umweltveränderungen reagiert. Solche Bevölkerungsgruppen gehören in der Regel nicht zu denen, für die eine grenzüberschreitende Migration überhaupt infrage kommt. Sie können in aller Regel die erforderlichen sachlichen und finanziellen Mittel nicht aufbringen, die die Migration einer großen Familie über größere Entfernungen erfordert. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten reichen oft nicht aus, um sich eine wirtschaftliche Perspektive in einem fremden Kontext zu eröffnen. Insofern bleibt ihnen lediglich die Wahl zwischen Untergang und Anpassung. Jüngere und besser gebildete Familienmitglieder wandern temporär oder zyklisch in urbane Zonen ihres Landes oder grenznahe Regionen von Nachbarländern, häufig erleichtert durch den Umstand, dass bereits Verwandte oder Angehörige gleicher ethnischer Herkunft dort leben.

Zu möglichen Anpassungsreaktionen gehören neue Anbauverfahren (zum Beispiel Umstieg vom Regenfeldbau auf künstliche Bewässerung), angepasste Sorten wie trocken- und salzresistente Pflanzen, hitzetolerante Tierarten sowie Meliorationen (Dämme, Wälle) zur Vermeidung von Wind- und Wassererosion. Bauliche Veränderungen an Wohnstätten und an gemeinsam genutzten Infrastrukturen erhöhen deren Widerstandskraft gegen Umwelteinflüsse.

Angestrebt werden, wenn möglich, zusätzliche und andere Einkommensquellen wie die Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte oder Lohnarbeit. Diese Strategien lassen sich allerdings nur mit einer Mindestausstattung an Kapital verwirklichen, sodass allein schon wegen der erwarteten Überweisungen von Migrantinnen und Migranten an die Zurückgebliebenen der Wegzug zumindest einiger Mitglieder der Familie überlebensnotwendig ist. Deren Zahl ist in den letzten Jahren beständig gestiegen.

Die Weltbank geht davon aus, dass aufgrund klimabedingter Umweltveränderungen bis zum Jahr 2050 etwa 150 Millionen Binnenvertriebene zu verzeichnen sind, davon mehr als die Hälfte allein auf dem afrikanischen Kontinent. Ende 2021 hatte ihre Zahl mit knapp 60 Millionen bereits einen neuen Höchststand erreicht, wobei der Hauptgrund für die Vertreibung bewaffnete Konflikte waren; diese stehen als Grund der Vertreibung derzeit noch vor den durch Klimaveränderungen bedingten Fluchtursachen.

Von den Fluchtbewegungen sind auch die Zielregionen betroffen, in die Vertriebene fliehen. Städte müssen sich auf einen wachsenden Zufluss von Migrantinnen und Migranten vorbereiten. Unterbringung und Versorgung der zusätzlichen Menschen erfordern einen finanziellen Rahmen, der die Budgets ärmerer Länder sprengt. Verelendung in städtischen Slums und Verteilungskonflikte können die Folge sein, was die Lebensqualität etablierter städtischer Mittelstandsgruppen so beeinträchtigt, dass diese sich – aufgrund besserer Bildungsvoraussetzungen und ausreichender materieller Ausstattung – veranlasst sehen, ihr Land zu verlassen.

Viele Wellblechhütten in einem Slum in Nairobi
Abb. 2: Slum in Nairobi, Kenia

 

Auch die Tragfähigkeit der von den Auswirkungen des Klimawandels weniger stark betroffenen Gebiete wird durch das Anwachsen der Bevölkerung strapaziert, sodass Konflikte zwischen Zuwandernden und angestammter Bevölkerung um natürliche Ressourcen wie Ackerland, Weiden und Wasser zunehmen. Zudem wächst das Risiko, dass sich der Raubbau an den vorhandenen natürlichen Lebensgrundlagen verstärkt und deren Anfälligkeit für externe Einflüsse weiter erhöht. Durch Brandrodung und den Verlust von Kohlenstoffsenken kann überdies der Klimawandel noch befördert werden.

Der Klimawandel beschleunigt und verstärkt die Verschlechterung von Lebens- und Produktionsbedingungen insbesondere ärmerer Bevölkerungsgruppen in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern. Deren Anpassungsmöglichkeiten sind begrenzt, was einen immer größeren Anteil von ihnen zur Migration vor allem in Städte und angrenzende Regionen zwingt. Die jeweiligen Regierungen sind meist weder in der Lage, die Betroffenen zu unterstützen, noch können sie die erforderlichen Mittel zur Erhaltung ihrer Lebensräume aufbringen.

Hier besteht Handlungsbedarf auf unterschiedlichen Ebenen: Die Vermeidung von klimaschädlichen Emissionen in Industrie- und Schwellenländern ist notwendig; sie führt aber nur langfristig zu einer Reduzierung negativer Umwelteffekte in fragilen Regionen von Entwicklungsländern. Kurz- und mittelfristig haben dort Anpassungsmaßnahmen Priorität. Diese reichen von Sozial- und Beschäftigungsprogrammen bis hin zur nachhaltigen Diversifizierung von Einkommensmöglichkeiten.

Zudem bedarf es der Unterstützung beim Aufbau klimaresilienter Infrastrukturen im Hochwasserschutz und der Wasserversorgung, der Einführung neuer Produktionsverfahren, Pflanzensorten und Tierarten. Zur Einhegung von Verteilungskonflikten und zur Reduzierung von ökologischen Schäden sind integrierte Stadt- und Regionalentwicklungsprogramme vonnöten, die Einheimische und Ankommende gleichermaßen berücksichtigen. Geeignete Nachbarländer sollten in die Lage versetzt werden, Migrantinnen und Migranten aufzunehmen.

Die wachsende Zahl von Umweltflüchtlingen, die vor allem in Städte und von Klimawandelfolgen weniger betroffene Regionen fliehen, verdient höhere Aufmerksamkeit. Nur selten erreichen sie Europa oder andere Industrieländer und werden daher von der Öffentlichkeit, den Medien und der Politik kaum wahrgenommen. Doch es wäre fahrlässig, sichmit der Problematik der Binnenflüchtlinge in Entwicklungs- und Schwellenländern nicht gezielt auseinanderzusetzen. Nichthandeln heizt bereits existierende Konflikte an und befördert die Umweltzerstörung in fragilen Regionen.

Bisherige Erfolge nationaler und internationaler Entwicklungspolitik dürfen nicht aufs Spiel gesetzt, sondern müssen konsolidiert werden.

Dieser Beitrag stammt aus 

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