Standpunkt von Lea Leimann

Wandel für unser Ernährungssystem

»Euch Politikern sind die Hände gebunden? Eine Ausrede!« ist Slow-Food-Deutschland-Vorstandsmitglied und Slow-Food-Youth-Aktivistin Lea Leimann überzeugt. In ihren Kampf für einen Wandel des Ernährungssystems trifft ihre Motivation auf die Resignation der Politik. Im Slow Food Magazin 03|2021 >> kommentiert sie dieses Spannungsfeld.

26.05.2021

Wandel für unser Ernährungssystem | Ernährungswende Ernährungssystem Slow Food

Wir wollen Wandel!

»Komm Du mal in unser Alter und unsere Positionen, dann wirst Du merken, dass Du nichts verändern kannst.« So in etwa klang die Antwort einer Politikerin auf mein Drängen nach Wandel im Ernährungssystem auf einer meiner ersten Podiumsdiskussionen als Vorstandsmitglied von Slow Food Deutschland. Ich war eingeladen worden, um die motivierte, treibende Stimme der Jugend zu vertreten.

 

Es war ernüchternd. Aber Erfahrung mit Podien und Diskussionsrunden hin oder her, ich kam nicht umhin zu denken: Liebe »Politik«, so wird das doch nichts! Ich bin dankbar für die Einladung, mitsprechen zu dürfen. Dankbar, dass Ihr daran glaubt, dass wir diejenigen sind, die die Veränderung umsetzen, die Ihr anzustoßen nicht imstande wart und seid. Dankbar für die Einblicke, warum, oder zumindest, dass Euch durch Eure Positionen die Hände gebunden sind. Aber ist das nicht eine Ausrede? Falls nicht, kann ich wohl der Liste »Berufe, die ich besser nicht ausüben werde« einen weiteren zufügen. Aber ob Ausrede oder nicht, ladet mich doch bitte nicht ein, wenn ihr nicht hören wollt, was ich zu sagen habe.

Ich kann stark und mutig sein, wenn ich etwas will. Zum Beispiel will ich, dass unser Ernährungssystem fair ist, und langfristig gesund für Mensch, Tier und Umwelt. Und mit diesem Wunsch bin ich nicht alleine. Es gibt mir wieder und wieder Kraft, das zu bemerken, mich in meinem Netzwerk gut aufgehoben zu fühlen und auch eine Inspiration für andere zu sein. Das motiviert mich.

Aber ich finde es unfair und kräftezehrend, so auflaufen gelassen zu werden. Das verschleißt diejenigen motivierten Menschen, jung oder eben nicht, die den Glauben an Veränderung und eine lebenswerte Zukunft noch nicht aufgegeben haben. Und gerade sie hätten in der heutigen Zeit allen Grund dazu! Klimaziele werden verwässert, nachdem über Monate Menschen gemeinsam demonstrieren und bei Verwaltungen, der Politik und auch Unternehmen der Wirtschaft vorsprechen. Die Gemeinsame Agrarpolitik fördert immer noch eher Grundbesitz als eine umweltschonende und biodiversitätsfördernde Landwirtschaft, obwohl auch hier über demonstrierende Landwirt*innen auf ihren Traktoren, Veranstaltungen, Diskussionsrunden und viel Lobbyarbeit die Wichtigkeit der Veränderung überall angekommen sein muss.

Ich habe in dieser einen Stunde Podiumsdiskussion viel gelernt. Und gleichzeitig sind so viele Fragen offen. Warum glaubt meine Diskussionspartnerin nicht (mehr) an Veränderung? Wie kam es dazu? Wir haben sicher alle schon Situationen erlebt, in denen wir mit der Veränderung, die wir uns vorgenommen haben, gescheitert sind. Vielleicht sogar wieder und wieder. Veränderung ist keine Sache der Motivation alleine. Die größte Motivation läuft Gefahr, zu versanden, wenn die nötigen Fähigkeiten nicht vorhanden sind, um die Veränderung umzusetzen. Oder wenn das soziale Umfeld und alle Strukturen, die uns umgeben, unsere Veränderung hemmen; weil schlicht die Gelegenheit zur Veränderung fehlt.

Ich kann zum Beispiel sehr motiviert sein, nur noch Brot zu essen, das ich selbst gebacken habe, weil ich auf industrielles Brot verzichten möchte. Das verlangt handwerkliche Fähigkeiten, Wissen über Rezepte und auch Ausdauer und Zeit. Familie oder Freunde, denen dieses Brot nicht schmeckt und auch das Überangebot von günstigen, schnell und leicht verfügbaren Broten hemmen meine Motivation, weiterhin Brot zu backen. Wir alle sind eingebunden in Strukturen und Systeme, mit all den Verpflichtungen und auch Chancen, die sie mit sich bringen, und den Entscheidungen, die sie beeinflussen. Aber wir können es uns auch nicht mehr leisten, Verantwortung abzugeben. Niemand von uns.

So einiges ist in Schieflage geraten und auch ich bin nicht nur zuversichtlich. Ich bin müde immer wieder das gleiche zu sagen: »So wird das doch nichts! Wir müssen jetzt hier, und vor allem gemeinsam Wandel wollen … und auch machen!«

Aber es gibt Lichtblicke, die mir Hoffnung machen. An dem Tag, an dem ich diesen Text schreibe, hat das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde von neun Jugendlichen weitgehend akzeptiert, die besagt, dass Freiheits- und Grundrechte bereits heute durch unzureichenden Klimaschutz verletzt werden. Das wird zur Folge haben, dass der Gesetzgeber das Klimaschutzgesetz bis Ende nächsten Jahres nachbessern muss. Das ist ein großartiger Erfolg!

Klimaschutz, Landwirtschaft und unsere Ernährung sind eng miteinander verwoben. Wir können das Klima nicht schützen, ohne unsere Ernährung umzustellen und landwirtschaftliche Produktionsweisen zu verändern. Diese Veränderung ist vielschichtig und kann nicht alleine auf den Schultern einer motivierten Zivilgesellschaft liegen. Deswegen haben Slow Food Youth und Slow Food Deutschland gemeinsam die Kampagne Zukunft würzen. Für eine Ernährungspolitik, die schmeckt ! >> ins Leben gerufen. Mit sieben Forderungen, wie unser Ernährungssystem zu einem nachhaltigen und fairen transformiert werden kann, appellieren wir an alle, die in Deutschland Verantwortung für Ernährung übernehmen: Macht Wandel möglich!

Ein Beitrag aus 

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