Politik

Postwachstum nach der Pandemie: Eine neue politische Agenda für Europa

Auch in Brüssel ist der Glaubenssatz, Wirtschaftswachstum schaffe Arbeitsplätze und deshalb sei Wachstum unverzichtbar, unerschütterlich verbreitet. So setzt man – wie in früheren Krisen – auch in der Coronakrise wieder auf die Hoffnung Wachstum. Ein aktueller Bericht zeigt dazu Alternativen auf. Von Irmi Seidl und Angelika Zahrnt

10.09.2021

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Das Ziel, neue Arbeitsplätze zu schaffen, dürfte einer der stärksten und am stärksten verankerten politischen Treiber für Wirtschaftswachstum sein. Allerdings zeigen verschiedene Forschungsarbeiten inzwischen, dass eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch äußert unwahrscheinlich ist. Eine solche, weit beachtete Arbeit hat das Europäische Umweltbüro (EEB) 2019 herausgegeben (Parrique et al. 2019).

Im neuen Bericht Escaping the growth and jobs treadmill. A new policy agenda for post-coronavirus Europe >> [1] gehen Mayrhofer und Wiese der Frage nach, weshalb Arbeitsplätze ein so stark verankertes Argument für Wachstum sind und wie sich vor diesem Hintergrund die Arbeitssituation und Umweltsituation darstellen. Auch wird dargelegt, welche Änderungen im Bereich neuer politischer Zielsetzung und in der Erwerbsarbeitswelt notwendig sind, damit Wachstum nicht mehr angestrebt werden muss.

Arbeit und Wachstum

Die Autor*innen der oben genannten Studie argumentieren, die Zusammenhänge von Arbeit und Wachstum glichen einer Tretmühle: Diese besteht darin, dass einerseits angenommen wird, die Arbeitsproduktivität steige ständig (was sie allerdings seit einiger Zeit immer weniger tut, auch wenn sie auch wirtschaftspolitisch vorangetrieben wird), andererseits aber eine wachsende Arbeitsproduktivität zu Entlassungen von Arbeitskräften führt, um Überproduktion zu vermeiden. Folglich ist weiteres Wirtschaftswachstum nötig, um neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Somit ist unsere Ökonomie und Gesellschaft gefangen in der Zielsetzung, die Arbeitsproduktivität zu steigern – um zu wachsen und wettbewerbsfähig zu sein – und gleichzeitig durch weiteres Wachstum Beschäftigung für frei werdende Arbeitskräfte zu finden. Jackson und Victor (2011) sprechen von einer Produktivitätsfalle.

Angesichts dieser Zusammenhänge fragen die jungen Autor*innen vom EEB und YFJ verwundert: Weshalb verteilt man Arbeit nicht gleicher und hat die hohen Produktivitätssteigerungen der vergangenen Jahrzehnte nicht in Arbeitszeitreduktionen umgesetzt? Weshalb hält man die Tretmühle aufrecht, nimmt verschiedenste nachteilige Wirkungen in Kauf – zum Beispiel auf die Lohnentwicklung, die Arbeitsbedingungen, die Arbeitsinhalte und die Umwelt?

Entwicklungen, die die Tretmühlen am Laufen halten und negative Folgen hervorbringen, machen Wiese und Mayrhofer verschiedene aus:

(a) die Ausbreitung des Rentier-Kapitalismus, wodurch kaum mehr Anteile des Produktivitätsgewinnes an die Erwerbstätigen gehen;

(b) die Deregulierung der Arbeitsbedingungen sowie der globale Wettbewerb der Arbeitskräfte, wodurch Löhne unter Druck kommen, Arbeits- und Sozialstandards für Arbeitnehmende abgebaut und die Verhandlungspositionen von Arbeitnehmenden und Gewerkschaften geschwächt werden;

(c) die Automatisierung und Digitalisierung, wodurch ein Teil der Erwerbsarbeitsplätze verloren geht und in der Folge Erwerbslosigkeit sowie schlecht bezahlte und wenig abgesicherte Arbeitsbedingungen sich ausbreiten. Parallel wachsen die ökologischen Schäden, unter anderem wegen des weiter zunehmenden Ressourcenverbrauchs. Die größten Verlierer*innen der Arbeits- und Wachstums-Tretmühle werden die jungen und kommenden Generationen sein.

Doch die Tretmühle könnte zusammenbrechen: Die bisherigen Wachstumsraten lassen sich immer weniger aufrechterhalten, auf der Angebotsseite werden Produktionsfaktoren knapp und teurer und der technische Fortschritt bringt nur noch begrenzt Produktivitätswachstum hervor, auf der Nachfrageseite zeigen sich Grenzen durch den demografischen Wandel, Sättigung, geringe Kaufkraft sowie hohe private wie öffentliche Verschuldung. Vor allem aber können die ökologischen Schäden eine hohe und weiterwachsende Produktion unmöglich machen und ad absurdum führen.

Wege aus der Tretmühle

Welche Lösungen führen aus der Tretmühle mit ihren negativen Folgen und in eine Transformation des heutigen wachstumsorientierten Systems? Wiese und Mayrhofer fordern als übergeordnete politische Zielsetzung wellbeing, die Bekämpfung und Lösung ökologischer Probleme sowie den Schutz und Ausbau von Arbeitnehmerrechten. Neben einer Relativierung des Bruttoinlandsproduktes und der Entwicklung alternativer Indikatoren schlagen sie vier Maßnahmen vor: Universelles Grundeinkommen, Arbeitszeitreduktion, stärkere demokratische Mitsprache am Arbeitsplatz sowie eine Jobgarantie.

(1) Die Idee des viel diskutierten Grundeinkommens und seine Vorteile werden vorgestellt, doch auf skeptische Fragen wie Finanzierbarkeit oder Verhältnis zu gegenwärtigen sozialen Sicherungssystemen wird nicht eingegangen.

(2) Die Arbeitszeitreduktion ist eine breit anerkannte Forderung, um der Tretmühle beziehungsweise Produktivitätsfalle zu entkommen. Die Vorteile und einzelne positive Erfahrungen stellen die Autor/innen vor.

(3) Eine Beteiligung von Arbeitnehmer*innen an Unternehmenseigentum und an Unternehmensentscheidungen zielt vor allem auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und -inhalte, eine Verringerung von Ungleichheiten, insbesondere Lohnungleichheiten. Die Forschung verweist auf eine ökologischere Unternehmenspolitik bei stärkerer Beteiligung der Mitarbeitenden in der Unternehmensleitung. Diesem Themenbereich galt bisher noch nicht viel Aufmerksamkeit und es ist ein Verdienst, dass Wiese und Mayrhofer ihn aufgreifen.

(4) Schließlich wird die Jobgarantie angesprochen, die in Frankreich entwickelt und in begrenztem Ausmass dort angewendet wird (Territoires zero chômeur de longue durée). Gemeinden können Arbeitslosen Anstellungen anbieten (durch staatliche Fördergelder für die Kommunen), die Bedürfnissen der Gemeinde und ihren Mitgliedern entgegenkommen. In diese Richtung gehend braucht es zweifellos noch weitere Kreativität und Konzepte.

Weitere, im Bericht nicht angesprochene Ansätze, um die Wachstumsabhängigkeit zugunsten von Erwerbsarbeit zu verringern, sind die Förderung von arbeitsintensiven Sektoren beziehungsweise solchen, wo Produktivitätszuwächse begrenzt sind wie im Sozialen, der Bildung oder in der Landwirtschaft (Jackson/Victor 2011, Gottwald et al. 2019). Ebenso nicht angesprochen wird die hohe Steuer- und Abgabenlast auf Erwerbseinkommen, die den Produktivitätsfortschritt fördert, zu höheren Lohnforderungen führt und damit den Ruf nach Wirtschaftswachstum (Köppl/ Schratzenstaller 2019) stärkt. Nicht angesprochen werden auch die Möglichkeiten von Subsistenzarbeit und Freiwilligenarbeit.

Die Stärke des Berichts liegt vor allem in seinem analytischen Teil, die Tretmühle gut lesbar zu analysieren und die Notwendigkeit des Ausstiegs klar darzulegen, während er sich bei den Lösungen auf grundsätzliche politische Neuorientierungen und einige konkrete Ansätze beschränkt.

Mehr lesen: Auf unserer Themenseite Postwachstum finden Sie Bücher, Beiträge, Open-Access-Inhalte und mehr. Dazu liefert unsere Leseliste Postwachstum 10 Buchempfehlungen rund um Postwachstumsökonomie, Degrowth, Suffizienz und Co.


Anmerkung

1 Das Buch Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft (Seidl, Zahrnt 2019) hat Wiese und Mayrhofer inspiriert. In der Folge entstand mit den Autorinnen dieses Artikels ein Austausch zu ihrem Bericht.

Literatur

Gottwald, T./Seidl, I./Zahrnt, A. (2019): Tätigsein in der Landwirtschaft. Agrarkultur als Leitkonzept. In: Seidl, I./Zahrnt, A. (Hrsg.): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Marburg, Metropolis: 161–174.

Jackson, T./Victor, P. (2011): Productivity and work in the ‘green economy’: Some theoretical reflections and empirical tests, in: Environmental Innovation and Societal Transitions 1/1: 101–108. doi: 10.1016/j.eist.2011.04.005

Köppl, A./Schratzenstaller, M. (2019): Ein Abgabensystem, das (Erwerbs-)Arbeit fördert. In: Seidl, I./Zahrnt, A.: Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Marburg, Metropolis: 206–225.

Parrique, T./Barth, J./Briens, F./Kerschner, C./ Kraus-Polk, A./Kuokkanen, A./Spangenberg, J. H. (2019): Decoupling Debunked. Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability. Brussels, European Environmental Bureau.

Seidl, I./Zahrnt, A. (Hrsg.) (2019): Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Marburg, Metropolis. Wiese, K./Mayrhofer, J. (2020): Escaping the growth and jobs treadmill: a new policy agenda for post-coronavirus Europe. Brussels, European Environmental Bureau, European Youth Forum.

Beitrag aus 

Zukunftsfähige Ökonomien denken und verwirklichen

• Standpunkt: Gegenentwürfe zur derzeitigen Wirtschaftsweise
• Neue Konzepte: Suffizienz im Unternehmen: Das Geschäftsmodell des Genug
• Aktuell: Eine neue politische Agenda für Europa  

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