Transformation

Radikale Visionen für ein nachhaltiges Ernährungssystem

Maja Göpel ist Expertin für nachhaltige Transformationen und Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Im Slow Food Magazin-Interview mit Sabine Herre spricht sie über die Coronakrise, Versorgungssicherheit und wie unser Lebensmittelsystem von einem Verlust- zu einem Gewinnsystem für alle werden kann.

18.05.2020

Sabine Herre, Slow Food Magazin: Frau Göpel, eigentlich waren wir ja zu dem etwas theoretischen Thema »Externe Kosten der Herstellung von Lebensmitteln« verabredet. Bei der Vorbereitung wurde mir aber klar, dass eine Verbindung dieses Themas zur gerade sehr realen Corona-Krise ziemlich nahe liegt. Nicht wenige Politiker argumentieren, dass angesichts der drohenden Weltwirtschaftskrise Maßnahmen zum Klimaschutz zurückstehen müssten. Haben Sie Verständnis für eine solche Haltung oder macht Sie das nur noch wütend?

Maja Göpel: Ich finde es fahrlässig, wenn jetzt eine Krise gegen die andere ausgespielt wird. Eine CO₂-Abgabe zum Beispiel ist ein langfristiges Steuerungsinstrument, das gerade in turbulenten Zeiten auch Richtungssicherheit gibt. Und außerdem: Die Einnahmen aus der Klimasteuer können wir auch zur Abpufferung von wirtschaftlichen Herausforderungen einsetzen. Andere vertreten die Ansicht, dass unsere Umwelt von der Corona-Krise profitiere. In China und in Norditalien ist die Luft sauberer geworden. Es wird weniger gereist, weniger produziert und transportiert. Ich kann verstehen, dass viele sich freuen, wenn sie wieder blauen Himmel sehen können und fröhlich durch eine wenig befahrene Innenstadt wandeln. Doch dass wir dazu eine solche Krise brauchten, das ist fürchterlich und sollte niemals Anlass zur Freude sein. Interessant wird sein, zu sehen, welche Veränderungen, aber auch welchen Veränderungswillen wir längerfristig erhalten können. Im Unterschied zur Klimadebatte ist nun der politische Wille zur Veränderung da.

Noch wenig diskutiert wird, wie die Ausbreitung von Infektionskrankheiten mit der Ausbeutung der Natur zusammenhängen könnte. So stellt der Gesundheitswissenschaftler Jens Holst die These auf, dass der »aktuelle Seuchenausbruch mit auf das Konto der globalen Ernährungswirtschaft« gehe. Zu gewagt?

Genau um diese Frage müssen wir uns jetzt noch intensiver kümmern. Schließlich sollen Seuchenausbrüche nicht nur eingedämmt, sondern verhindert werden. Es gibt mehrere Forschungsprogramme unter dem Label »Planetary Health«, die dem Zusammenhang zwischen Epidemien und dem Vertreiben von Tieren aus ihrem Habitat nachgehen. Wir wissen, dass durch die Klimaveränderung Mückenschwärme sich rasant vermehren, was zur Ausbreitung von Malaria beiträgt. Und eigentlich liegt es ja auf der Hand, dass es einen Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Umwelt und der Gesundheit von Lebewesen in ihr geben muss. Diesen Zusammenhang zu sehen, darin liegt eine der Chancen dieser Krise.

Frau Göpel, Sie sind Generalsekretärin des WGBU, des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Wie beeinflusst oder verändert die Corona-Krise die Themen, mit denen Sie sich beschäftigen?

Wir Nachhaltigkeitsforscher sind besorgt, dass nun wieder Ökonomie gegen Ökologie ausgespielt wird. Tatsächlich jedoch sind Umweltschutz und Ökonomie gar nicht trennbar. So haben ökologische Ökonomen für 2007 ausgerechnet, dass uns die globalen Ökosysteme in dem Jahr die unglaubliche Summe von 125 bis 145 Billionen Euro an Dienstleistungen »schenken« – damals lag das weltweite Bruttoinlandsprodukt (BIP) noch bei 55 Billionen. Oft wird das BIP gesteigert, indem wir die natürlichen Kreisläufe dieser Wertschöpfung zerstören. Warum ist das, was die Natur uns gibt, dermaßen aus dem Bewusstsein verschwunden? Wasser säubern, Blumen bestäuben, CO₂ speichern, ganze Nahrungsketten sichern, das ist eben auch Ökonomie. Nur dass wir aktuell dafür kaum bezahlen.

In Ihrem Buch »The Great Mindshift« beschäftigen Sie sich mit der Frage, wie wir nach 40 Jahren Nachhaltigkeitsdiskussion endlich einen fundamentalen Wandel unseres Systems durchsetzen könnten. Die Erfahrung einer solch existenziellen Krise wie der momentanen – schafft sie absurderweise die Voraussetzung für einen »Mindshift«?

Zum ersten Mal seit langer Zeit stellt sich die Gesellschaft wieder die Frage, wo unsere Nahrungsmittel herkommen. Und zwar deshalb, weil wir nicht mehr sicher sind, dass diese Nahrungsmittel auch wirklich kommen. Heute geht es um die Grundlagen von Versorgungssicherheit, wir fangen an, in Systemen zu denken und auch zu sehen, welche Tätigkeiten eigentlich systemrelevant sind und mehr Wertschätzung erfahren müssen. Das ist toll. Wir sollten jetzt darüber nachdenken, was ein wirklich gutes Leben ausmacht.

Nun sind wir bei Ihrer Theorie angekommen: Sie gelten als Vertreterin eines systemischen, also »sozio-ökologisch-technischen Transformationsansatzes«, kurz SÖTS genannt. Könnten Sie erklären, wie dieser Ansatz aussieht?

Ganz kurz gesagt: Der SÖTS beginnt mit der Frage, welchem Ziel Innovationsprozesse dienen sollten. Die Analyse selbst startet dann mit einem genauen Blick auf die systemischen Zusammenhänge, die aktuell die Entwicklungen beeinflussen und Barrieren oder Verstärker für die gewünschte Entwicklung sein können. Hier geht es um kulturelle, soziale, technologische, ökonomische, politische Aspekte und Veränderungspotenziale. Oft ist die Kombination das Entscheidende und das will der systemische Ansatz. Bei diesem arbeiten daher auch immer Forscher aus den unterschiedlichsten Disziplinen und in Kooperation mit Praktikern zusammen.

Was bedeutet Ihr SÖTS-Ansatz aber nun konkret für die Produktion von Lebensmitteln?

Die Forscher fragen: Welche Vision von Nachhaltigkeit im Ernährungssystem wollen wir anstreben und warum ist es im Moment so schwierig, nachhaltig erzeugte Lebensmittel zur Normalität zu machen? Da sind zum einen die Förderprogramme der EU, die primär die Größe von Flächen berücksichtigen, aber nicht wie diese bewirtschaftet werden. Dann ist da die vorherrschende Definition von Ertrag, in den nur die Erntemenge eingeht, aber nicht die Ökosystemdienstleistungen z.B. durch Humusaufbau, CO₂-Speicherung oder Erhalt der Biodiversität. Wenn man diese Leistungen vergüten würde, also die wahren Kosten berechnen, bekäme man insgesamt höhere Preise. Bei höheren Preisen entsteht aber ein Nischenprodukt, das sich nur noch wenige leisten können.

Der systemische Ansatz versucht nun, aus der anderen Richtung Lösungen zu suchen: Warum reichen in einem der reichsten Länder der Welt die Einkommen nicht aus, um nachhaltige Lebensmittel zu kaufen? Warum ist es heute nicht mehr möglich, einen ähnlich hohen prozentualen Anteil des Haushaltseinkommens für Lebensmittel auszugegeben wie vor 20 Jahren? Daraus ergeben sich Lösungsmöglichkeiten wie ein erhöhter Mindestlohn oder wir hinterfragen die Kultur des Statuskonsums, bei dem Gegenstände wichtiger sind als Lebensmittel. So finden wir jede Menge Barrieren, die Veränderung verhindern.

Und was folgt nun aus dieser Analyse?

Jetzt stellt sich die Aufgabe, wie wir möglichst viele Akteure der Wertschöpfungskette von Lebensmitteln dazu bekommen, sich gemeinsam an der Innovation des Ernährungssystems zu beteiligen und eine klare Strategie daraus zu machen. Mit der radikalen Vision starten und dann viele kleine Schritte auf unterschiedlichen Ebenen identifizieren, die sich gegenseitig verstärken und damit größere Durchbrüche möglich machen. Wir brauchen also Übergangsphasen. Es ist aber ein Unterschied, ob ich tatsächlich auf eine synthetikfreie Landwirtschaft hinarbeite oder ob ich digitale Technologien nur für die Reduktion der eingesetzten synthetischen Mittel einsetzen will. Deshalb ist die Klärung der Vision und Ziele so wichtig.

Bevor die Veränderungen umgesetzt werden, muss jedoch zuerst einmal gemessen werden, wie hoch die ökologischen Kosten der Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten tatsächlich sind. Welche Methoden gibt es dafür?

Für die Information von Entscheidungen der Kunden gibt es vier sogenannte Fußabdrücke. Damit können etwa 80 Prozent der Beeinträchtigung der Ökosysteme gemessen werden. Diese vier Abdrücke sind CO₂, Fläche, Wasser und Material. Wobei »Fläche« die Biokapazität misst, also Wiesen, Felder, Wälder, Seen und Meere, die Menschen erneuerbare Ressourcen zur Verfügung stellen. »Material« umfasst dagegen unter anderem Erze oder Fossile wie Kohle und Öl, die im Laufe von Jahrmillionen entstanden sind und sich nicht kurzfristig erneuern. In der Landwirtschaft ist Phosphor besonders interessant. Wichtig ist dann, nicht nur das zu messen, was direkt im Produkt steckt, sondern was auf dem ganzen Lebenszyklus bis nach der Nutzung durch die Menschen passiert.

Man spricht ja nicht nur von Fußabdrücken, sondern auch von Rucksäcken ...

… ja, oft sind es ganz kleine Produkte, die ganz besonders schwere Rucksäcke mit sich herumtragen. In einem Auto von 1,5 Tonnen stecken etwa 70 Tonnen ökologischer Rucksack. Und bei einem kleinen Goldring sind es 2.000 Kilogramm.

Sie haben von vielen kleinen, aber radikal orientierten Schritten gesprochen, die man für Veränderungen braucht. Was bedeutet das konkret – zum Beispiel auch für unseren Konsum von Fleisch?

Das Radikale ist unsere Vision. Wir setzen nicht bloß auf eine relative Verbesserung, sondern auf eine langfristig tragfähige Lösung. Wie ist es denn gekommen, dass die Deutschen doppelt so viel Fleisch essen wie von Ernährungsberatern empfohlen? Warum muss dieses Fleisch so billig sein, dass eine artgerechte Tierhaltung kaum mehr möglich ist? Wenn Sie sich die Kosten für das Gesundheitssystem anschauen, die durch ungesunde Ernährung entstehen, und die Umweltkosten bei ihrer Herstellung dazurechnen, dann wird klar: Wir haben ein Verlust-Verlust-Ernährungssystem aufgebaut. Und wenn wir dann noch die Produzenten dazunehmen, die ohne Subventionen nicht leben können und deren ländlichen Lebensgemeinschaften zerstört werden, dann ist das sogar ein dreifaches Verlustsystem.

Das hat die »Global Land Use Coalition« in ihrem »Growing Better«-Bericht auch gerade vorgerechnet: In unserem globalen Ernährungssystem stehen 10 Billionen Umsatz 12 Billionen an Kosten gegenüber. Und der zu hohe Fleischanteil spielt da eine große Rolle. Die Frage muss also nicht heißen, ob wir jemals davon lassen können, sondern: Wie konnte uns das passieren, in so einem System zu landen? Uns Nachhaltigkeitsforschern wird ja oft vorgeworfen, dass wir moralisch argumentieren. Tatsache ist aber doch, dass erforscht ist, welche Konsequenzen das jetzige Ernährungssystem hat. Mit diesem Wissen ausgestattet, ist jede weitere Entscheidung automatisch auch eine ethische. Unsere Gesellschaft hat den Liberalismus halbiert. Wir wollen Freiheit, aber wir wollen nicht die Verantwortung für unser Handeln übernehmen.

Und was folgt daraus für jeden Einzelnen?

Die meisten wissen doch heute, was ihr Beitrag sein kann. Es fehlt jedoch an einfachen Angeboten, klaren Rahmenbedingungen und dem Vertrauen, dass andere auch mitziehen. Und es fängt bei der Sprache an: Wir wollen nicht den »Verzicht« und den »Ausstieg« aus Verlustsystemen rechtfertigen, sondern für den »Einstieg« in ein Gewinnsystem werben. Dann starren wir nicht mehr verbittert in den Rückspiegel, sondern suchen die besten Wege zum Horizont.

Dieser Beitrag stammt aus 

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