Pestizide

»Zum Artensterben muss man nichts mehr erforschen, man muss handeln!«

Das Insektensterben ist längst Fakt, Gegenmaßnahmen lassen aber auf sich warten. Dabei wäre gerade in der Agrarpolitik einiges zu bewegen. Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Agrarwissenschaftler und Biolandwirt, erläutert im Gespräch mit Slow Food Magazin-Autorin Sabine Herre, warum wir ein Umdenken in der EU-Agrarpolitik benötigen und welche Maßnahmen die Bauern nun ergreifen müssen, um das Insektensterben zu stoppen.

01.02.2020

Slow Food Magazin: Herr zu Löwenstein, als die grüne Fraktionsvorsitzende Katrin Göhring-Eckhardt im November 2017 davon sprach, sich für »jede Biene« einsetzen zu wollen, erntete sie im Netz nur Hohn und Spott. Wenige Monate später übten sich die Deutschen in der fehlerfreien Aussprache des Begriffs »Neonicotinoide«, dem Bienenkiller No.1. Was ist da in der Zwischenzeit passiert?

Felix Prinz zu Löwenstein: Das weiß ich eigentlich auch nicht so ganz genau. Denn es ist seit Jahren bekannt, dass mit unseren Bienen etwas Dramatisches passiert. Aber wie das eben in der Medienwelt so ist: Es gibt irgendwann einmal eine Nachricht, die am richtigen Tag kommt und dann richtig einschlägt. Und die Nachricht, die da eingeschlagen ist, war die Untersuchung eines Krefelder Vereins von Insektenforschern, die über Jahrzehnte in NRW in Naturschutzgebieten Insektenfallen ausgewogen haben. Und die dabei einen Rückgang der Biomasse von 75 Prozent in nur 15 Jahren feststellten. Dieses Forschungsergebnis wurde schon 2013 veröffentlicht, aber an dem Tag, von dem ich spreche, kam eine Studie von weltweit anerkannten Insektenforschern heraus. Die haben lediglich festgestellt, dass das, was die Krefelder herausgefunden haben, Hand und Fuß hat. Und von da an wurde das Problem des Insektensterbens plötzlich von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.

»Zeit«-Autor Bernd Ulrich hat in diesem Zusammenhang von einer ökologischen Katastrophe geschrieben, und meint, dass es vielleicht schon zu spät sei, diese zu stoppen. Das Kinderlied »Alle Vögel sind schon da« könnte schon bald von keinem Kind mehr verstanden werden.

Tatsächlich ist es schwer zu sagen, ob es schon zu spät ist. Sicher aber ist, dass eine Wiederherstellung ökologischer Vielfalt enorm viel Zeit braucht. Wenn wir jetzt zum Beispiel über das Insektensterben reden, betrachten wir nur einen Ausschnitt aus dem gesamten Ökosystem. Man muss sich das so vorstellen: Es stirbt eine Vogelart aus, da ihre Hauptnahrungsinsekten verschwunden sind. Wenn jetzt diese Hauptnahrungsinsekten wiederkehren, bedeutet das ja noch nicht, dass auch der Vogel plötzlich wieder da ist. Und vielleicht braucht das Insekt zum Überleben noch irgendwelche anderen Organismen, die auch erst wiederkommen müssen. Das haben, so glaube ich, die meisten Leute bis heute nicht verstanden und ganz sicher haben es meine Berufskollegen in der Landwirtschaft zum großen Teil nicht verstanden. Wir müssen immer in Systemen denken. Die Organismen leben in vielfältigster Interaktion. Und bis man diese wiederherstellt, vergeht viel, viel Zeit.

Konventionelle Landwirte verweisen ja gern darauf, dass die Ursachen des Insektensterbens noch nicht umfassend erforscht worden seien und es daher für Verbote von bestimmten Pestiziden zu früh ist.

Ich habe meine ganze Festplatte voll mit wissenschaftlichen Studien zum Artensterben. Man muss nichts mehr erforschen, man muss handeln. Mit Forderungen nach mehr Forschung soll doch nur Zeit gewonnen werden. Man will sich leider immer noch nicht dem Problem stellen.

Die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU, der GAP, steht nun auf der Agenda. Dies könnte eine Chance sein, dem Artensterben Einhalt zu gebieten. Was müsste sich bei den Fördermaßnahmen ändern?

Die gesamte Agrarpolitik der EU sollte darauf gerichtet sein, die Leistungen für öffentliche Güter, die die Bauern zu erbringen haben, zu honorieren. Denn die privaten Güter, wie die Erzeugung von Nahrungsmitteln, die bezahlt ja der Markt. Aber die öffentlichen Güter, wie etwa eine gesunde Umwelt, die bezahlt der Markt nicht, und deshalb werden sie geschädigt. Daher brauchen wir einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel der Förderpolitik.

Und das heißt?

Im Moment verläuft die Diskussion doch nach wie vor so: Wenn wir etwas Bestimmtes erreichen wollen, dann machen wir den Bauern Auflagen, die sie erfüllen müssen, um Fördergelder zu bekommen. Total menschlich und logisch ist, dass jeder, der mit einer solchen Situation konfrontiert ist, die Auflagen so niedrig wie möglich halten will. Wir müssen aber einen ganz anderen Weg gehen. Wir müssen stattdessen Ziele formulieren wie mehr Biodiversität, mehr Gewässer- und Klimaschutz. Wir formulieren Maßnahmen, wie diese Ziele erreicht werden können. Dann bezahlen wir die Bauern dafür, dass sie diese Maßnahmen ergreifen.

 

Dr. Felix Prinz zu Löwenstein ist Agrarwissenschaftler und Biolandwirt. Als Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) gilt er als politischer Vertreter der deutschen Biobranche.
 
Die Landwirtschaftspolitik in Europa wird ja in erster Linie von EU-Gremien gemacht. Welche Möglichkeiten bleiben da Deutschland und der Bundesregierung für eine Verbesserung des Artenschutzes?

Deutschland verfügt jetzt schon über eine Möglichkeit für den Erhalt der Artenvielfalt. So ist es möglich, Geld aus der sogenannten ersten Säule der GAP, den Direktzahlungen, in die zweite Säule, den Agrarumweltmaßnahmen, zu transferieren. Das macht die Bundesregierung aber nur mit einem minimalen Teil der Mittel. 15 Prozent wären möglich, umgewidmet werden aber nur 4,5 Prozent. Und eine weitere Verschlechterung kündigt sich an. Die jetzt vorgelegten Vorschläge zum künftigen EU-Finanzrahmen sehen eine weitere Kürzung der zweiten Säule vor.

Einige EU-Länder, wie etwa Schweden, haben es geschafft, den Einsatz von Pestiziden um 75 Prozent zu reduzieren. So etwas müsste doch auch in Deutschland möglich sein.

Ich habe selbst sechs Jahre lang konventionell gewirtschaftet und weiß daher sehr gut, in welchen Zwängen man da steckt. In der Tat werden häufig Pestizide eingesetzt, obwohl dies gar nicht notwendig ist. Das kommt daher, dass bei konventionellen Bauern der Anteil des Gewinns vom Umsatz so gering ist, dass beim Anbau auf keinen Fall etwas schiefgehen darf. Und deswegen werden Pestizide auch dort eingesetzt, wo sie eigentlich nicht notwendig sind. Die französische staatliche Agrarforschungsanstalt INRA hat festgestellt, dass es für die Bauern günstiger wäre in eine Versicherung einzuzahlen, die bei Schädlingsbefall einspringt, als Insektizide zu versprühen. Insgesamt seien 30 Prozent der Pestizide ohne wirtschaftlichen Schaden einsparbar. Theoretisch wäre also eine deutliche Reduzierung möglich. Der Hebel dafür kann aber nur ein ökonomischer sein. Man müsste die Pestizide deutlich verteuern. Aber dies vorzuschlagen traut sich natürlich kein Politiker. Mit Ausnahme des grünen Agrarministers von Schleswig-Holstein, Robert Habeck. (Anm. d. Red.: Robert Habeck war bis August 2018 Agrarminister in Schleswig-Holstein. Seit Januar 2018 ist er Bundesvorsitzender der Grünen.)

Konventionelle Bauern sagen, Raps- und Zuckerrübenanbau sei ohne Pestizide nur schwer machbar.

Ich baue seit mehr als 15 Jahren ökologisch Zuckerrüben an und viele andere Ökobauern tun das auch. Ja, Rapsanbau ohne Pestizide ist komplizierter als Weizenanbau ohne diese. Es gibt ihn aber. Entscheidend ist doch Folgendes: Wir müssen überall in der Landwirtschaft in viel stabileren Systemen arbeiten. Das momentane industrielle System ist jedoch extrem instabil. Eine Apfelplantage funktioniert nur, wenn sie 30mal mit Pestiziden bespritzt wird, beim Weizenanbau ist drei- bis fünfmaliger Einsatz notwendig. Wir haben also ein Landwirtschaftssystem, das nur mit Input von außen funktioniert. Aber nicht allein für sich. Das Ziel unserer Anstrengungen muss nicht nur sein, diesen Input ungefährlicher zu machen. Wir brauchen ein System, das diesen Input nur im extremen Ausnahmefall benötigt.

Was muss dafür getan werden?

Was wir vor allem brauchen, ist Forschung. In Deutschland werden jedes Jahr vier Milliarden Euro für Agrarforschung ausgegeben. Doch dieses Geld kommt vor allem von der Chemieindustrie und fließt in die Chemielandwirtschaft. Denn damit kann sie ja Geld verdienen. Die Mittel für die Erforschung stabiler landwirtschaftlicher Systeme müssen daher vom Staat kommen. Ja, wir brauchen zunächst sogar erst einmal eine Forschungsstruktur, in der die Wissenschaftler eine Heimat finden, die diesen Ansatz verfolgen. Die Forschungsausgaben für ökologische Landwirtschaft liegen momentan mit Sicherheit unter 100 Millionen Euro. Das Bundesprogramm für ökologischen Landbau zum Beispiel wird jetzt auf 30 Millionen Euro aufgestockt. Und man feiert dies als großen Erfolg.

Was sind die wichtigsten Maßnahmen, die zu einer Rückkehr der Artenvielfalt beitragen können?

Die Verkleinerung von Feldschlägen hat etwa die gleiche Wirkung wie die Umstellung auf ökologischen Landbau. Durch Bio-Anbau kann man die Artenvielfalt verdoppeln und durch Flächenverkleinerung ist noch einmal eine Verdoppelung möglich.

Ein Vorschlag lautet auch, Grünflächen von April bis Ende Juli nicht zu bearbeiten, um Nistplätze der Vögel nicht zu zerstören. Dadurch würden den Bauern jedoch Verluste entstehen.

Ja, das stimmt, denn gerade der Juni ist die Haupterntesaison. Wenn die Grünlandbauern im Juni nicht ernten, bekommen sie überständiges Heu, das nicht mehr an Kühe verfüttert werden kann. Hier müssten neue Förderprogramme geschaffen werden. Denn was wir brauchen ist eine Vielfalt von Bearbeitungszuständen in der Landwirtschaft. Dies führt dann auch zu einer Vielfalt an Arten. So kann man zum Beispiel sogenannte Lerchenfenster schaffen. Die Sämaschine verteilt dann auf ein paar wenigen Metern kein Saatgut. Oder man verfugt kaputte Mauern nicht neu, sodass hier Spatzen nisten können.

Das sind alles Maßnahmen, die nicht viel Aufwand erfordern.

Ich bin fest davon überzeugt, dass heute die meisten Bauern, egal ob ökologisch oder konventionell, die Erhaltung der Natur und der Vielfalt der Arten für ungemein wichtig halten. Viele Landwirte wissen aber nicht, was die richtigen Maßnahmen dafür sind – weil sie es nie gelernt haben. Nicht bei der Ausbildung und auch nicht von ihren Eltern. Mit einer Beratung über Naturschutz kann man hier schon viel bewirken. Und das kostet nicht viel.

Gerade wird diskutiert, Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt in die Richtlinien der Ökoverbände aufzunehmen.

Ich halte das für eine wichtige Diskussion. Wir müssen aber aufpassen, dass wir die Richtlinien nicht so überfrachten, so kompliziert machen, dass sie am Ende nicht mehr praktikabel sind. Wenn wir den Ökolandbau dadurch abwürgen würden, hätte niemand etwas davon.

Was den Erhalt unserer Artenvielfalt betrifft, blicken Sie da eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich bin in höchstem Maße alarmiert gestimmt. Wir sind an einem dramatischen Punkt angelangt. Das haben viele Menschen immer noch nicht verstanden. Sie sagen: Keine Insekten, das ist doch herrlich, keine Mücke sticht mich mehr. Wir sind die Zeugen des Zusammenbruchs von Ökosystemen, die das letzte Mal in diesem Ausmaße vor 65 Millionen Jahren stattgefunden hat.

Das Interview erschien erstmals im Juli 2018 im Slow Food Magazin.

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Mit dem Bienensterben flatterte bei vielen Menschen erstmals ins Bewusstsein, dass der Insektenschwund gravierende Folgen für das Leben auf diesem Planeten hat. Was helfen würde? Auf jeden Fall eine ...   

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